Digitale Selbstenthemmung

Funktionen und Funktionsweisen digitaler Disinhibition

Digitale Selbstenthemmung

Funktion und Funktionsweise digitaler Disinhibition

Quellen und Literatur-Empfehlungen am Ende der Seite.

Januar 2019      |    Medienrhetorik

Quellen und Literaturempfehlungen am Ende der Seite.

Quellen und Literaturempfehlungen am Ende der Seite.

Du bist nicht du, wenn du online bist.

Wer kennt es nicht: Man knüpft einen neuen Online-Kontakt, schreibt ein oder zwei Tage und stellt plötzlich erschrocken fest, dass die Gesprächsthemen längst intimere Formen angenommen haben als am zweiten Weihnachtsfeiertag an Omas Kaffeetisch. Weitere Tage der digitalen Kommunikation – sei diese freundschaftlicher, beruflicher oder romantischer Natur – verstreichen und es kommt schließlich zum ersten situativen (analogen) Aufeinandertreffen. Steht man sich dann aber gegenüber fällt es plötzlich schwer, an vergangene Gespräche anzuknüpfen oder gar auf ein höheres Intimitätslevel zu eskalieren. Vielleicht ist sogar der ein oder andere enttäuscht, von dem Menschen der nun tatsächlich vor ihm steht. Aber woher kommt das?

In der Rhetorik nennen wir dieses Phänomen nach J. Suler den Online Disinhibition Effect. Da die Begrifflichkeit Disinhibition (von lat. inhibere – hemmen) bereits so stark mit der Thematik digitaler Selbstenthemmung verbunden ist, wird im Folgenden auf eine Übersetzung verzichtet.

Online Disinhibition bezeichnet also im Allgemeinen die digitale Enthemmung und meint damit weniger das Offenlegen einer eigentlichen und „wahren“ Persönlichkeit, sondern eher eine neuartige Selbstkonzeption im digitalen Kontext. Entsprechend kann und sollte diese Neukonzeption strategisch vorbereitet werden. Dabei gilt es folgende Faktoren zu berücksichtigen, die in unterschiedlichstem Ausmaß an einer Disinhibition beteiligt sein können:

Die sechs Faktoren der digitalen Disinhibition

Dissoziative Anonymität

Online kann die eigene Identität in Gänze oder in Teilen versteckt werden. Der Aufbau zweiter oder dritter Identitäten ist im digitalen Raum deutlich einfacher, was eine Dissoziierung der eigenen Persönlichkeit mit den eigenen digitalen Sprechhandlungen befeuert.
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Unsichtbarkeit

Auch wenn die Identitäten der Kollokutoren bekannt sind, hilft uns die „Unsichtbarkeit“ offen zu kommunizieren: Wir müssen unser Gegenüber nicht bei der Rezeption unserer Nachricht beobachten, was eine entlastende Funktion haben kann. (Vgl. Taktvolle Blindheit, Cialdini)

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Asynchronität

Durch das Fehlen einer direkten zeitlichen Komponente fällt auch der situative Interaktionsdruck weg. Gleichzeitig muss der Orator nicht direkt mit einer Reaktion des/der Rezipierenden rechnen, was die Hemmungen sinken lässt. („putting it out there and running away“)
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Solipsistische Introjektion

Eigene Erwartungen, Wünsche und Bedürfnisse formen das Bild des Gegenübers in unserem Kopf entscheidend mit. Hinzu kommt: Wir lesen die Chatnachrichten in unserem Kopf quasi mit unserer eigenen Stimme, wodurch wir uns gelegentlich stärker mit Inhalten identifizieren, als wir eigentlich sollten.

Dissoziierende Imagination

Dieser Faktor besaß um die Jahrhundertwende noch stärkere Wirkung, als mit dem Ausschalten des PC’s auch die zweite digitale Welt „ausgeschalten“ werden konnte. Heute funktioniert Immersion bzw. Transportation durch Imagination bestenfalls noch durch hochwertige Grafiken.

Minimierung von Autoritäten

Situativ kommunizieren Autoritätsfiguren ihren Status in aller Regel nonverbal. Diese Codes fallen in der digitalen Welt allerdings weg, wodurch Hierarchien beinahe aufgehoben werden. Der Zugang zur Oratorrolle wird deutlich erleichtert und steht online jedem Nutzer in selbem Maße zur Verfügung.

Marketingstrategische Überlegungen

Die digitale Disinhibition geschieht meist unbewusst, bleibt (bestenfalls) folgenlos und kann bereits beim Surfen beobachtet werden: Obwohl im Netz jede einzelne Handlung digitale Datenspuren produziert, beschäftigen sich Menschen online viel eher mit Themen (wenn auch im Inkognito-Modus), um die sie in der analogen Welt einen weiten Bogen geschlagen hätten. So ist allein der Konsum pornografischer Inhalte um ein Vielfaches angestiegen, seitdem Menschen nicht mehr beim Kauf einer entsprechenden Zeitschrift beobachtet werden können.

Es entstehen also neuartige Formen des Konsums, die im Zuge dieser neuen digitalen Hemmungslosigkeit erst entdeckt wurden. Entsprechend gilt es die Marketingstrategien in den betroffenen Sektoren (z.B. assistierte Reproduktion, plastische Chirurgie oder Partnersuche) an diese neuen Rezeptionsformen anzupassen.

Kurz gesagt…

Digitale Disinhibition bedeutet, dass eigenes (sprachliches) Handeln im Web weniger eingeschränkt, bewusst gefiltert oder zurückgehalten wird. Wir geben online häufig mehr Informationen preis, als es die Situation eigentlich erfordert hätte, neigen zu generösen Gesten und offerieren unbegründete Vertrauensvorsprünge. Den Mut dafür ziehen wir aus einer partiellen Anonymität, die uns im entsprechenden Kontext ein Gefühl von Sicherheit vermittelt.

Quellen und Literaturempfehlungen

Gackenbach, Jayne: Psychology and the internet: intrapersonal, interperonal and transpersonal implications. Elsevier Science, 2007.

Joinson, Adam: Self-esteem, interpersonal risk, and preference for e-mail to face-to-face communication. Cyberpsychology & Behavior. 7 (4): 472–478. 2004.

Schmid, Julia: Internet-Rhetorik: Chancen und Widerstände des Orators auf der digitalen Agora. Berlin, 2007.

Suler, John: The online disinhibition effect. Cyberpsychology and Behavior, 7, 2004.

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Autorin

Carina D. Bukenberger

Medienrhetorik & Corporate Publishing

C.Bukenberger@LEONARTO.de

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