Warum funktioniert Reality TV?

Eine rhetorische Analyse am Beispiel „Goodbye Deutschland“

Mai 2019      |    Medienrhetorik

Quellen und Literaturempfehlungen am Ende der Seite.

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1. Vorwort

Goodbye Deutschland – Die Auswanderer ist eine der erfolgreichsten Doku-Soaps in Deutschland!“, so die Produzenten des Formats in einem Imagefilm aus dem Jahr 2013. Und dieses Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr: Mit einer Quote von 7-11% gewann das Team um Chefredakteur Kai Sturm im Jahr 2011 den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Unterhaltung Doku.“ Damit eignet sich dieses Format hervorragend als Basis für die folgende Analyse der Rhetorik von Reality TV auf deutschen Privatsendern.

Die Doku-Soap gehört zur Kategorie des Factual Entertainment und fällt damit unter den Sammelbegriff Reality TV. Dieses „Realitätsfernsehen“ entwickelte sich in den 1980er Jahren und beschäftigt sich großteils mit der Verhandlung von Normen und Werten, die die Gellschaft bewegen. Diese Verhandlung kann beim Reality TV ohne größere geistige Anstrengung passiv konsumiert werden, aus einer Schlüsselloch-Perspektive herraus: Doku-Soaps ermöglichen einen Einblick in den Alltag gewöhnlicher Menschen. Diese „Menschen wie du und ich“ spielen die Hauptrollen im Reality TV, was nicht nur lebensweltliche Anknüpfungspunkte für den Rezipienten bietet sondern auch demokratie-theoretisch positiv wahrgenommen wird: Jeder Rezipient kann selbst zum Protagonisten werden. Zusätzlich kann sich der Zuschauer gezielt mit Akteuren identifizieren oder aber sich von ihnen distanzieren. Diese Entscheidung trifft er anhand der intimen und persönlichen Einblicke in das Privatleben der Akteure. Der Zuschauer wird also gezielt mittels Provokation involviert und dazu angehalten, sich gegenüber den gezeigten Handlungen und Dialogen zu positionieren.

Im Folgenden soll also erörtert werden, ob und inwiefern es VOX als Fernsehoratorinstanz gelingt, die nötigen Aspekte in das antizipatorische Adressaten- und Medienkalkül mit einzubeziehen, um der Kommunikationshaltung der Zuschauer angemessen entgegenzutreten. Anhand der im Januar 2016 ausgestrahlten Folgen werden Inszenierungs- und Legitimierungsstrategien analysiert, sowie die allgemeine Rhetorizität des Formats hinterfragt.

Reality TV definiert sich durch die Grenzüberschreitungen zwischen Authentizität und Inszenierung, Information und Unterhaltung, sowie Alltag und Exotik (Vgl. Knape, 2015). Im Falle von Goodbye Deutschland kann hier tatsächlich von Exotik gesprochen werden, aufgrund des in der Regel gegebenen Ausland-Frames. Die Auswanderer-Doku zeigt meist gewöhnliche Menschen bei alltäglichen Handlungen an exotischen Orten. Letzteres ist als markantestes Merkmal des Formats anzuführen.

Als konstitutives Merkmal der Auswanderer-Doku Goodbye Deutschland gilt außerdem die besondere Serialität: Einige Auswanderer werden über Jahre hinweg begleitet, wie beispielsweise Konny Reimann, während die Story anderer Protagonisten bereits in einer einzigen Sendeeinheit erschöpfend behandelt wird. Tritt ein Auswanderer oder eine Auswanderergruppe in mehreren Sendeeinheiten in Folge auf, so dient diese Strategie der Iteration dem Bindungsaufbau und schafft Vertrautheit (Rothöhler, 2014).

Dieser Bindungsaufbau ist nicht zuletzt aufgrund der Flüchtigkeit des Mediums so wichtig. Dieser Widerstandsfaktor ist gleichzeitig ein bezeichnendes Performanzspezifikum, welches jedoch durch neue digitale Möglichkeiten sukzessive an Bedeutung verliert: Inzwischen können alle Folgen bis zu 30 Tage nach der Ausstrahlung online kostenfrei abgerufen werden. Auf diese Weise wird eine noch individuellere Einbindung des Formats in den Alltag möglich.

2. TV als rhetorisches Medium

Durch visuelle Darstellungsmittel ist es Fernsehbildern möglich, an sich abwesende Phänomene als gegenwärtig zu präsentieren. Visuelle und auditive Elemente gehen dabei eine untrennbare Verbindung ein. Somit sind Fernsehtexte multikodal beziehungsweise multimodal. Ihr Potential besteht darin, Hör- und Seherfahrungsangebote kommunikativ so zu simulieren, dass eine Transparenzillusion (Knape, 2015) mittels Evidenz entsteht. Bei intensiver Immersion kann ein Bild die Fiktion der Präsenz des Dargestellten konstruieren, wobei der Konstruktionsprozess für den Rezipienten unbemerkt bleibt. Knape und Ulrich sprechen in diesem Fall von der medienrhetorischen Technik der dissimulatio medii (Knape, 2015).

Das Fernsehbild fügt Externes in die Lebenswelt des Rezipienten ein, das zu dieser Zeit und an diesem Ort keinen unmittelbaren Kontakt zu seinem Weltzusammenhang besitzt. Die Nahtstelle bildet das Fernsehgerät beziehungsweise der Bildschirm, welcher als Rahmen fungiert. Hier wird die Diskontinuität zwischen Fernsehbild und Lebenswelt deutlich. Alle Bilder sind potentiell polysem, so auch das bewegte Fernsehbild, was unterschiedliche Rezeptionsmodi ermöglicht (Borstnar et al., 2008).

Der auditive Kanal ist besonders wichtig, da er noch vernommen werden kann, selbst wenn das Bild nicht mehr gesehen werden kann. Daher ist die auditive Inszenierung von großer Bedeutung, um den Rezipienten am Abschalten des TV-Gerätes zu hindern und in beziehungsweise nach Low-Involvement-Phasen seine Aufmerksamkeit zurück zu erlangen. Eine gewisse Plot- und Informationskontinuität ermöglicht es außerdem das Format ausschließlich auditiv zu verfolgen und dabei andere Dinge zu erledigen. Eine besondere Rolle spielt auch die hermeneutische Funktion des Tons: Der Adressat geht von einer strukturellen Vollständigkeit des Fernsehprogramms aus und erwartet neben dem Ton auch die Tonquelle präsentiert zu bekommen. Der Zuschauer wird somit eingebunden, da er die Tonquelle mit einem Blick auf den Bildschirm selbst entdecken kann (Knape, 2015).

Konstitutives Merkmal des Mediums <TV> ist der Liveness-Charakter. Er verleiht dem Dargestellten besondere Authentizität. Echtheit wird inszeniert, sodass der Rezipient den Eindruck gewinnt, alles spiele sich direkt vor seinen Augen ab. Die Produktionsseite ist stets bestrebt möglichst wenig Zeit zwischen Ereignis, medialer Verarbeitung und Ausstrahlung verstreichen zu lassen. Denn die Illusion von Aktualität lässt die Sendung auch thematisch gesehen authentisch erscheinen. So wurde beispielsweise in den ersten Folgen des Jahres 2016 Daniela Karabas bei ihrer Schwangerschaft mit der Kamera begleitet. Die audiovisuelle Verarbeitung dieses emotionalen Lebensereignisses dient zwar vorrangig der Intimisierung, aber auch der Liveness-Charakter des Formats profitiert.

Die Produzenten von Goodbye Deutschland nehmen häufig Bezug auf aktuelle Veranstaltungen oder allgemein bekannte Termine. So beispielsweise ein Triathlon in Paguera, Mallorca. Derartigen Hinweisen, aber auch verbalen Markierungen verdankt das Format den Liveness-Charakter. Liveness verspricht Aktualität und erregt als Teil einer Programmstrategie die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Per Voice-Over wird dem Zuschauer vermittelt, dass auch produktionsseitig noch unklar ist, wie dramatische Situationen verlaufen werden. Mit derartigen Andeutungen via Voice-Over wird der Rezipient indirekt aufgefordert auch die nächste Episode zu konsumieren.

 

3. Die Doku-Soap zwischen Inszenierung und Authentizität

Der Sender VOX selbst bezeichnet Goodbye Deutschland als Doku-Soap, während die Produktionsfirma infoNetwork GmbH von einer Auswanderer-Doku spricht. Das Genre der Doku-Soaps hat sich in Deutschland seit 1998 etabliert (Klaus et al., 2003) und bezeichnet im eigentlichen Sinne eine Gruppe von Hybriden aus Fiktionalem (Soap) und Non-Fiktionalem (Dokumentation). Das Oxymoron „Doku-Soap“ bewegt sich also im Spannungsfeld zwischen Inszenierung und Authentizität. Während einige Reality-Formate dafür bekannt sind ganze Storylines zu scripten, wird bei Goodbye Deutschland besonderer Wert auf vollkommene Authentizität der Protagonisten und deren Handlungen gelegt. Dies verleiht dem Format Dokument-Charakter, welcher durch Legitimierungs- und Beglaubigungsstrategien wie etwa die Bezugnahme auf Protagonisten in anderen Formaten des Senders, sowie externe Prominenz, gestützt wird.

Eine Sendeeinheit von Goodbye Deutschland besteht jeweils aus zwei bis fünf Handlungssträngen, also Auswanderergruppen, die in Charakter, Optik, Alter, Herkunft, Zielvorstellung und Lebensmodell möglichst divergent sind. Ihre Geschichte wird chronologisch, aber mit zeitlichen und räumlichen Auslassungen dargestellt und ist narrativ organisiert (Borstnar et al., 2008). Die Sendeeinheiten dauern 50 oder 100 Minuten, wobei nach jeder Werbeunterbrechung und jedem Wechsel des Handlungsstrangs eine erneute Einführung ins Thema via Voice-Over stattfindet, visuell von Establishing-Shots unterlegt. Dies ermöglicht auch kurzzeitig unaufmerksamen Rezipienten den beinahe permanenten Wiedereinstieg. 

Als Protagonisten agieren bei Goodbye Deutschland „normale Menschen“ und keine professionellen Schauspieler. Sie lassen sich in ihrer privaten und/oder beruflichen Umgebung filmen. Nicht selten gelingt es den Kamerateams auf diese Weise sehr intime Situationen zu dokumentieren. Im Fall von Goodbye Deutschland befinden sich die Protagonisten aufgrund der Auswanderung meist in einer für sie ungewohnten Umgebung, was zu veränderten Lebensbedingungen und somit zu außergewöhnlichen Kommunikationen und Aktionen seitens der Akteure führt: Sie sind durch ihre neue Lebenssituation und die damit einhergehenden existentiellen Risiken möglicherweise emotional verunsichert, was als idealer Nährboden für Melodramatik, Streit, Missgunst und Rivalität fungiert.

Auswandern als Infotainment

Laut einer aktuellen FORSA-Umfrage, die im Auftrag einer der Produktionsfirmen von Goodbye Deutschland durchgeführt wurde, kann sich jeder zweite Deutsche vorstellen, eine längere Zeit im Ausland zu leben (99pro media GmbH). Seit der Erstausstrahlung am 15.August 2006 nutzt Sender VOX diese Vorliebe der Deutschen um das Programm mit wöchentlichen Episoden exotisch anzureichern.

Oftmals werden bereits erfahrene Auswanderer gezeigt, die sich im Ausland bereits eine Existenz aufgebaut haben. Sie geben Tipps an Neuankömmlinge und bieten für den Zuschauer zusätzlich einen informativen Mehrwert. Natürlich nutzen die Produzenten die meist ansprechende Kulisse des Drehs: Die ästhetischen Landschaftsbilder der exotischen Örtlichkeiten sollen dem Zuschauer Anlass zum Träumen und zum Eskapismus geben und dienen der „Wirklichkeitsmodulation durch Phantasien und Tagträume.“ (Mikos, 2001)

Doku-Soaps durchbrechen also mit Vorliebe den Dualismus von Information und Entertainment: Den Aspekt des docere erfüllt im Falle von Goodbye Deutschland Wissenswertes über das entsprechende Zielland der Auswanderung, sowie diverse Alltagsthemen und zwischenmenschlichen Umgang. In der Grenzsituation des Auswanderns werden besonders häufig Konflikte ausgetragen, Freude und Leid bewältigt, sowie Liebe und Hass legitimiert. Emotionalität bringt Unterhaltung, worauf der Aspekt des delectare aufbaut: Die öffentliche Zurschaustellung von Gefühlsausbrüchen, Schicksalsschlägen, Missgeschicken, komischen und dramatischen Erlebnissen von Menschen „wie du und ich“ dienen der Unterhaltung des Rezipienten.

4. Rhetorische Format-analyse

Um Rezipienten überhaupt für eine medienrhetorische Strategie zugänglich zu machen, gilt es zunächst, den kommunikativen Kontakt zum Zuschauer zu etablieren. Dieses funktionale Vorgehen umfasst die Anwendung gewisser Adressierungsformen via Voice-Over, die permanente Anwendung von Eröffnungsstrategien, sowie die Etablierung einer Kommunikationsgemeinschaft mit dem Rezipient als Partizipant, welche durch Inszenierungsstrategien bestärkt werden kann (Knape, 2015).

Als oberstes Ziel des Formats Goodbye Deutschland gilt das Erlangen von Systase (dauerhafter Bindung), was durch diverse Inszenierungsstrategien, sowie Aufmerksamkeitserzeugung unter anderem mittels Grenzübertretungen gelingen soll. Ähnlich wie bei der epideiktischen Rhetorik spielt Metabolie (Meinungswechsel) hierbei kaum eine Rolle, da primär die bestehende Gesellschaftsordnung mit ihren Normen und Werten erhalten und bestärkt werden soll. Dies ist in der antiken Rhetorik bereits dem genus demonstrativum zugeordnet: Kurzweilige Unterhaltung mit Bezug zur Lebenswelt der breiten Öffentlichkeit soll die reine Kunst der Beredsamkeit darstellen ohne dabei künstlich zu wirken. In der Epideiktik wird jeder Rezipient zur Integration in die Kommunikationsgemeinschaft aufgefordert, indem die Oratorinstanz Werte und Normen als möglichen Anknüpfungspunkt vorstellt.

4.1 Themengestaltung

Die Bezugsgröße der Normalität ist für die Auswanderer-Doku von besonderer Bedeutung: Vor dem Hintergrund in Deutschland etablierter Gesellschaftsnormen sind vermeintlich extraordinäre Ereignisse und Situationen, die die Protagonisten der Sendung weltweit erleben deutlich einfacher als solche zu inszenieren. Der Alltagsbezug gilt als eine der zentralen Charakteristika des Realitätsfernsehens. Alltäglichkeit bezeichnet die filmische Darstellung von Tätigkeiten des Alltags seitens der Protagonisten, die ohne politischen oder wirtschaftlichen Bezug ausgeführt werden (Knape, 2015). Diese stehen im Kontrast zur Außergewöhnlichkeit der Drehorte im Ausland und bieten lebensweltliche Anknüpfungspunkte, die wiederum die Identifikation erleichtern sollen. Die Spannung zwischen Alltäglichkeit und Exotik wird anhand sozialer Werte und Normen überzeichnet. Das Familienleben wird dem Singledasein gegenübergestellt, Gender-Dispute werden ausgetragen und die Lebensplanung der Protagonisten hinterfragt. Bei der Behandlung von Wertfragen wird im Allgemeinen auf Ausgewogenheit innerhalb einzelner Sendeeinheiten geachtet, zu Gunsten des sendungsinternen Flows. Einer konkreten Bewertung der einzelnen Lebensmodelle enthält sich das Format.

Unterhaltung entsteht zusätzlich durch das Zeigen von komischen oder dramatischen Erlebnissen der Protagonisten: Von alltäglichen Problemen bis hin zu scheinbar existenzgefährdenden Situationen präsentiert Goodbye Deutschland eine breite Palette dramatischer Ereignisse. Die handelnden Personen sind gezwungen sich mit ihrer Grenzsituation auseinanderzusetzen und teils schwierige Situationen zu durchleben, was eine Spannungssteigerung zur Folge hat. Die Auswanderer-Soap hat es sich unter anderem zum Ziel gesetzt, zu Beginn noch unbekannte Personen innerhalb kürzester Zeit prominent zu machen. Dies gelang bereits bei Charakteren wie Konny Reimann (Ausstrahlung 2004) und Daniela Katzenberger (Ausstrahlung 2010). Goodbye Deutschland überführt also Alltagssituationen in exotische Örtlichkeiten und verwandelt Alltagsmenschen in TV-Prominenz.

Maßgeblicher Spannungsgarant für das Sendungskonzept von Goodbye Deutschland sind die situativen und individuellen Widerstände, denen sich die Auswanderer ausgesetzt sehen. So kämpfen sie beispielsweise gegen kulturelle und soziale Widerstände, Sprachbarrieren, Probleme mit Behörden im In- und Ausland oder die direkte wirtschaftliche Konkurrenz am Standort.

4.2 Plot

In der Regel zeigt die Doku-Soap die Protagonisten in drei Phasen der Auswanderung: Kurz vor dem Umzug, um ihre Beweggründe zu erfahren und das bisherige Leben für den Zuschauer begreifbar zu machen; während des Umbruchs, wobei beispielsweise der letzte Besuch in der Stammkneipe oder der Abschied von Verwandten am Flughafen gezeigt wird, um die stärksten Emotionen der Protagonisten audiovisuell zu dokumentieren. Auch der Einstieg ins neue Leben wird zu dieser Phase hinzugezählt: Der erste Arbeits- oder Schultag, erste Behördengänge oder der Autokauf werden filmisch dokumentiert, um den Umgang der Auswanderer mit der neuen Situation zu beleuchten. Nach einer gewissen Zeit besucht das Kamerateam die Protagonisten für die dritte Phase erneut, um herauszufinden, ob die Auswanderer im Ausland fanden, wonach sie suchten.

Nach dem Konsistenzprinzip von Karl Nikolaus Renner müssen innerhalb einer Narration entstandene Ordnungsverletzungen wieder ausgeglichen werden, wobei der Moment des Ausgleichs als Ereignisauflösung beziehungsweise als Ereignistilgung angesehen wird. Dabei können drei Lösungen genannt werden: Die Rückkehr der Protagonisten in ihren Ausgangsraum, das Aufgehen der Protagonisten im Gegenraum (hierbei bleibt das System der semantischen Räume erhalten, es ergeben sich lediglich graduelle und quantitative Veränderungen), sowie die Metatilgung, welche eine Veränderung der Ordnung der semantischen Räume mit sich bringt, sodass zwischen Protagonist und neuem Raum keine Inkonsistenz mehr besteht. Letztere Form der Ereignisauflösung verändert die Grundordnung der Diegesis.

Nach Didier Coste werden transitiven Erzähleinheiten mehr narrative Eigenschaften zugeschrieben als intransitiven, was bedeutet, dass Konflikte narratives Potential mit sich bringen. Dies wiederum rechtfertigt die starke Dramatisierung mit filmischen Mitteln von eigentlich harmlosen Gesprächen der Protagonisten, da Narrativik Immersion begünstigt, welche in Folge darauf die Zuschauerbindung festigt. Ebenfalls gilt Spezifik als stark narrativ: Den oftmals stereotypen Protagonisten widerfahren Dinge, die für ihre Person und ihre Familie als typisch angesehen werden können. So hat beispielsweise Jens Büchner bereits 6 Kinder von verschiedenen Frauen und wird laut „Bild.de“ im Laufe der aktuellen Sendereihe erneut Vater von Zwillingen.

Bei einer Auswanderung bleiben die semantischen Räume zunächst erhalten, solange die Personen innerhalb ihrer Familie beziehungsweise innerhalb ihrer Gruppe agieren. Einzelne Protagonisten, die in der neuen und noch unbekannten Lebenswelt ohne sozialen Rückhalt auftreten, erleben die Auswanderung jedoch als Raumzerstörung, als Metaereignis, welche das System der semantischen Räume verändert. Nun werden alte Ordnungssätze, sowie Wert- und Normverteilungen hinterfragt und möglicherweise durch Adaptionsverhalten neu konstituiert (Lotman, 1993). Als ordnungsstiftende Instanz tritt dabei oft die Staatsgewalt in Erscheinung, da die Regierungen der beteiligten Länder gewisse Formalitäten für den Ablauf einer Auswanderung vorschreiben.

Die Informationsvergabe ist bei Goodbye Deutschland heterogen fluktuierend organisiert. Der Rezipient weiß also zu einem konkreten Zeitpunkt der Sendung sowohl mehr als auch weniger als bestimmte Protagonisten. Als Quellen für Information dienen dabei gleich mehrere Figuren.

Der Rezipient sieht sich also mit immer wieder wechselnden Perspektiven konfrontiert und ist dazu angehalten mittels sich ergänzender Hypothesen sukzessive eine Kohärenz in ihrer Gesamtheit zu erkennen. Unter Umständen kann der Fall eintreten, dass bereits gemachte Annahmen aufgrund neuer Ereignisse revidiert werden müssen.

4.3 Aufmachung und Inszenierung

Die audiovisuelle Aufmachung des Formats soll Affekte erregen und lebensweltliche Anknüpfungspunkte bieten: Im Jingle wird eine ein poppiges Gitarrenstück gespielt, mit Meeresrauschen unterlegt. Mittels dieser Klanglandschaft wird der Adressat in eine für den Persuasions- bzw. Emotionalisierungsprozess günstige Stimmung versetzt. Im Hintergrund dreht sich eine türkis-blaue Weltkugel, die sich im Vordergrund in kleinerer Version wiederholt. Im Januar 2016 wurden einige Folgen unter dem Motto „Viva Mallorca!“ gezeigt. In der Geschichte des Formats gibt es immer wieder einige Sonderepisoden, die Beiträge zu Auswanderern eines bestimmten Landes oder Kontinents zusammenfassen und so auch Zuschauerinteressen bündeln. Das Resultat ist eine Mischung von drei Sprachen im Titel der aus vier Wörtern besteht. Dies vermittelt einen positiv-multikulturellen, weltoffenen Eindruck und unterstreicht den Lifestyle-Charakter des Formats. Das Logo ist mittig zentriert abgebildet und die Worte „Goodbye Deutschland – Viva Mallorca!“  sind gut lesbar: Das Wort „Goodbye“ ist kursiv geschrieben, während es sich bei den restlichen Worten um eine einfach gehaltene Groteskschrift handelt. Die spanische Flagge bewegt sich vertikal in Richtung des Rezipienten, womit ein Umhüllen der Erdkugel angedeutet wird. Streifen in leuchtenden Farben bewegen sich über den Bildschirm, sie erinnern an Flugzeuge, drücken Dynamik aus und verleihen der Intro-Animation Lebendigkeit. Der Zuschauer nimmt diese audiovisuellen Effekte wie lebensweltliche Perzeptionsangebote auf und wird auf die folgende Sendung emotional eingestimmt.

4.4 Dramatisierung und Emotionalisierung

Emotionale Aktivierung und Involvierung erfährt der Adressat durch die spezifische Inszenierungsstrategie der Dramatisierung. Darf der Zuschauer die Protagonisten bei dramatischen Erlebnissen begleiten, so festigt dies die Bindung des Zuschauers an bestimmte Personen oder Elemente des Formats. Die künstliche Dramatisierung von eigentlich Alltäglichem aktiviert den Rezipienten emotional und dient zusätzlich dem Aufbau eines Spannungsbogens. Auch bei Goodbye Deutschland werden diverse audiovisuelle Mittel hyperbolisch eingesetzt, um emotionale Beteiligung bei den Zuschauern zu erreichen. So ist zum Beispiel der Einführungszusammenschnitt jeder Sendeeinheit mit einer Instrumentalmusik unterlegt, die mit jeder gezeigten Intervieweinheit an Spannung und Dringlichkeit gewinnt.

Zu Zwecken der Emotionalisierung werden in Doku-Soaps häufig die simpelsten Handlungen mittels Kameraführung, Schnitt und Ton zu hochemotionalen, melodramatischen Situationen auf dem TV-Bildschirm hochstilisiert. Mit dieser Strategie sollen aktiv Gefühle beim Zuschauer hervorgerufen werden, um seine Aufmerksamkeit und Empfangsbereitschaft anzuregen. Gestützt von den Konzepten der Identifikation und Empathie gelingt es mittels Emotionen die Rezipienten in einen psychischen Erregungszustand zu versetzen, dem eine subjektive Erlebnisqualität beiwohnt (Knape, 2015). Bei Goodbye Deutschland ist dies Gegenstand von Kalkülen und Textproduktionsstrategien: Instrumentale, gefühlvolle und spannungsteigernde Musik trägt einen entscheidenden Teil dazu bei, sowie Cliffhanger, die am Ende jeder Einzelsequenz eines Handlungsstrangs auf die Fortsetzung noch in derselben Sendeeinheit verweisen und Spannung aufbauen. Sehr emotionale Menschen werden in Großaufnahme gezeigt und dramatische Situationen besonders detailliert dokumentiert, um Intimität zu simulieren. Dies weckt das Mitgefühl der Rezipienten, was immersive Wirkung hat und ihre persönliche Teilhabe am fernsehmedialen Geschehen evoziert.

Auf textueller Ebene gilt die Emotionalisierung als charakteristisches Gestaltungsmittel des Fernsehens generell. Per Voice-Over wird den gezeigten Bildern zusätzliche Bedeutung verliehen. Dabei werden häufig rhetorische Stilmittel zur Affekterregung herangezogen, wie Hyperbel, Metapher, Allegorie, Vergleich und rhetorische Frage, um nur einige zu nennen. „Jens Verantwortung […] wächst, wie die zwei Kinder in Danielas Bauch.“, so ein Voice-Over der am 12.01.2016 ausgestrahlten Folge. Es scheint also unerlässlich permanent die Gefühlsebene der Zuschauer anzusprechen, um ihre Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten und sie  am Umschalten zu hindern. Knut Hickethier spricht dem Fernsehen sogar die Funktion einer zentralen Emotionssteuerungsinstanz in der Gesellschaft zu.

4.5 Intimisierung, Personalisierung und Stereotypisierung

Die Kamerateams von Goodbye Deutschland dringen zwar mit Erlaubnis, dennoch schonungslos, in das Privatleben der Protagonisten ein. Privater Alltag sowie menschliche Handlungen und Charaktereigenschaften werden dokumentiert und der Öffentlichkeit präsentiert. „Normale“ Menschen zeigen, wie sie mit besonderen, meist schwierigen Situationen umgehen und zwischenmenschliche Beziehungen gestalten. Bei Goodbye Deutschland werden diese Beziehungen von den verschiedensten Seiten beleuchtet, um das Thema möglichst komplex darzustellen. Ein Beispiel bietet Jens Büchner, dessen Dreiecksbeziehung mit ehemaliger Partnerin Jenny, neuer Partnerin Daniela und diversen Kindern aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird. Hierbei werden sogar Einzelinterviews mit Jenny zwischen Videobeiträge über Jens und Daniela eingeblendet um das Thema kontroverser erscheinen zu lassen.

Werden nicht-prominente Protagonisten als Persönlichkeiten und somit als potentielle Identifikationsfiguren für ihr Publikum inszeniert, so spricht von einer Personalisierung. Die Akteure werden über längere Zeiträume von Kamerateams begleitet, sodass der Rezipient den Eindruck gewinnt, die Auswanderung komplett miterleben zu können. Auf diese Weise sammeln sich beim Publikum starke Emotionen – positiv und negativ- an, sodass bislang unbekannte Protagonisten plötzlich zu Vorbildern oder Hassfiguren werden. Die Akteure werden als alltäglich dargestellt, was Identifikation und Rückbindung begünstigt, sowie die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit verwischt (Göttlich, 2001). Sie sind Exponenten der Distanzkommunikation und somit konstitutives Element der parasozialen Interaktion. Anne Ulrich spricht hier von der „Personalisierung einer Oratorinstanz“ (Knape, 2015), also einer Instrumentalisierung der Protagonisten zu Gunsten des Formats.

Bei Goodbye Deutschland werden, wie auch bei anderen Doku- und Reality-Soaps, Charakterzüge und Handlungen der Akteure nur selektiert dargestellt, wobei einzelne, gerne außergewöhnliche Eigenarten der Protagonisten betont und speziell inszeniert werden. Diese Reduktion auf wenige Kernaspekte der Charaktere ist nicht zuletzt dem Missverhältnis von gefilmter Lebenszeit und gezeigter Fernsehzeit geschuldet. Damit ist es unumgänglich, die Protagonisten zunächst oberflächlich und oftmals stereotyp darzustellen. Diese Verwendung von Darstellungsmustern, Klischees, Stereotypen und Frames soll gleichzeitig als kognitive Entlastung für den Rezipienten fungieren (Keppler, 1996). Das Videomaterial wird spezifisch komprimiert, wobei einzelne Szenen aus dem Gesamtkontext herausgelöst werden. Doku-Soaps zielen nicht darauf ab, Charaktere vielschichtig und psychologisch differenziert darzustellen. Gerade die Überzeichnung der einzelnen Charaktere ermöglicht es einem breiten Publikum die gebotenen Vorlagen mit eigener Bedeutung zu füllen.

Als Beispiel einer gelungenen Personalisierung bei Goodbye Deutschland ist Konny Reimann zu nennen, der 2004 als sympathischer Mittvierziger mit Frau und Familie nach Texas auswanderte. Konny Reimann trägt die langen Haare im Zopf, einen Schnauzbart und einen Cowboy-Hut. Mit seiner ansprechenden norddeutschen Art wurde Reimann zum Unikat des deutschen Reality-TV, hauptsächlich hervorgebracht durch Goodbye Deutschland. An diesem Beispiel wird ebenfalls deutlich, dass bei der Strategie der Personalisierung Protagonisten genutzt werden um eine bestimmte Handlung zu entfalten und ein Thema zu präsentieren.

Goodbye Deutschland bietet den Zuschauern in Form von stereotypen Protagonisten Identifikationsmöglichkeiten, sodass sich diese bei Sympathie emotional in die Akteure hineinversetzen können und deren Gefühlswelten auf sich übertragen. Empfindet der Zuschauer Empathie für einen Protagonisten, so sieht er sich selbst in der Rolle des Zeugen, der als Außenstehender mit dem Akteur mitleidet. Dabei ist es zweitrangig für welchen Rezeptionsmodus sich der Adressat entscheidet; beide Male geht der Zuschauer ein parasoziales Bündnis mit dem Oratorkollektiv ein.

4.5 Die programminterne Einbettung

Die Einbettung der Auswanderer-Serie in den Programmteppich gelingt Sender VOX mittels „Prominent! – Das Star-Magazin“, welches an Werktagen von 20:00 Uhr bis 20:15 Uhr ausgestrahlt wird. Diese Viertelstunde vor der „Prime Time“ ist gefüllt mit Beiträgen über prominente Personen, zu denen Sender VOX augenscheinlich auch die Protagonisten des Formats Goodbye Deutschland zählt. Einzelne Konflikte aus der folgenden Sendung werden bereits aufgegriffen und im bekannten Stil des Promi-Magazins aufbereitet: Private Fotos der Protagonisten werden in einfachste Formatvorlagen eingefügt und mit einem Voice-Over hinterlegt. 

Auch Interviewausschnitte aus der folgenden Sendung werden bereits gezeigt. Diese Inhalts-Syndikation spart Kosten für den Sender und erleichtert die Rezeption des VOX-Abendprogramms durch die Mittel der Repetitio und Prolepsis. Die Verarbeitung von Videomaterial von Goodbye Deutschland im Format „Prominent! – Das Star-Magazin“ dient zusätzlich der Legitimierung und Heroisierung, da die Protagonisten wie bereits angedeutet in einer Reihe von Personen gezeigt werden, die allgemein als „prominent“ gelten. Zusätzlich werden die Geschichten der Auswanderer von externen Zeugen (den Moderatoren von „Prominent! – Das Promi-Magazin“) behandelt und bewertet, was ihnen Legitimation und Glaubwürdigkeit einbringt. Die Trennung zwischen einzelnen Programmeinheiten soll aufgehoben werden um den Rezipienten in den Programmfluss hineinzuziehen. Linearität und Unidirektionalität begünstigen dieses Vorhaben. Das immer wiederholte Versprechen, aufregende Dinge zu zeigen, soll Zuschauer am ab- oder umschalten hindern. Die Unmittelbarkeit des Fernsehens, sowie die häusliche Rezeptionssituation unterstützen dies und lassen den illusionären Flow als real erscheinen (Feuer, 1983).

Beim formatinternen Flow dienen Kameratechniken der Aufrechterhaltung der Fiktion einer geschlossenen Diegese. Establishing-Shots und Panoramaaufnahmen des Ortes der Auswanderung werden bei Szenenwechseln genutzt um den Raum der Handlung zu konstituieren. Aktiv handelnde Personen werden in ihren Bewegungen mit der Kamera verfolgt, was wiederum Dynamik und in der Folge Immersion erzeugt.

5. Die Rolle des Zuschauers

Fernsehtexturen sollen generell für einen großen Adressatenkreis anschlussfähig und verständlich sein. Somit obliegt es den Produzenten, den kommunikativen Kontakt zwischen Oratorinstanz und den unterschiedlichsten Adressatengruppen zu etablieren. Zunächst ist festzustellen, dass situative Interaktion simuliert wird: Der Rezipient wird per Voice-Over direkt angesprochen und eingeladen, sich ob des gezeigten Videomaterials eine Meinung über die einzelnen Protagonisten zu bilden. Er selbst wird durch Inszenierungsmittel emotional involviert und eigens dazu aufgefordert Präferenzen zu entwickeln.

Zuschauerbindung entsteht bestenfalls durch Interaktion, welche beim Fernsehen aufgrund der gegebenen Medialität nur simuliert werden kann, also lediglich in Form einer parasozialen Interaktion stattfindet. Bei Goodbye Deutschland werden immer wieder ernst gemeinte Einladungen zur Partizipation ausgesprochen, so beispielsweise der mehrfach eingeblendete Hinweis „Sie möchten auswandern? Dann bewerben Sie sich jetzt auf VOX.de.“ Der Zuschauer wird als Kommunikationsteilnehmer angesprochen und soll sich als solcher in das Geschehen einbezogen fühlen. Diese emotionale Involvierung fördert wiederum die Bindungsbereitschaft der Adressaten an gezeigte Personen, die Sendung Goodbye Deutschland und den Sender VOX.

Einige Protagonisten wie Jens Büchner werden über Jahre mit der Kamera begleitet und sind somit in vielen Wohnzimmern präsenter als manch lebensweltlich realer Besuch. Dies begünstigt langfristig die Entstehung einer auf Vertrauen und Intimität basierenden Beziehung, auch wenn diese auf einer rein imaginären Kommunikationssituation basiert. Die Interaktion der Protagonisten mit dem Produktionsteam ist bei dem Phänomen der parasozialen Interaktion besonders wichtig: Die Akteure sprechen im Interview mit einer Person, die meist sehr nahe an der Kamera positioniert ist. Auf diese Weise soll eine Transparenzillusion erschaffen werden, um dem Zuschauer absolute Nähe zum Geschehen zu vermitteln.

Die Illusion eines wechselseitigen Gesprächs wird bei Goodbye Deutschland von einer Besonderheit der Schnitttechnik gestützt: Wendet ein Protagonist im Interview kurz das Wort an den Interviewer, den Kameramann oder den Redakteur, so wird dieses Material nicht herausgeschnitten. Auch Interviewfragen in minder Tonqualität, die vermutlich der räumlichen Distanz des Produktionsteammitglieds zum Mikro geschuldet ist, werden gesendet. Die Interaktion zwischen Kamerateam und Protagonisten wirkt meist vertraut und freundschaftlich, was wiederum Beleg dafür ist, dass das Filmteam die Akteure tatsächlich über lange Zeiträume im Alltag begleitet. Dieses vertraute Verhältnis unterstützt die Inszenierungsstrategien der Emotionalisierung und Intimisierung, da Protagonisten sich im Interview mehr öffnen und selbst emotionaler agieren, was wiederum immersive Wirkung auf Rezipienten haben kann.

Rezeptionsmodi

Reality TV kann auf verschiedene Weisen rezipiert werden: Ein Teil der Zuschauer denkt fälschlicherweise, dass im gezeigten Programm ihre Normen und Werte verhandelt werden, was stark immersive Wirkung hat. Dem anderen Teil ist durchaus bewusst, dass mittels Grenzüberschreitungen und angeblichen Wertediskussionen nur ihre Aufmerksamkeit gewonnen werden soll. Erstaunlicherweise neigen dennoch beide Rezipientengruppen dazu, der Authentizität des Formats in gewisser Weise Glauben zu schenken und bleiben dem Format als Zuschauer treu.

6. Fazit

Bei genauerem Hinsehen konnte festgestellt werden, dass die dargestellte lebensweltliche Perspektive und Authentizität des Formats Goodbye Deutschland zu Zwecken der Systaseevokation von Aufmachung, Kombinatorik der Teilnehmer, Themengestaltung und Inszenierungsstrategien gestützt werden. Zusätzlich unterliegt Goodbye Deutschland, wie jede fernsehmediale Wirklichkeitskonstruktion, bestimmten produktions- und medienbedingten Einschränkungen, Regeln und Kalkülen.

Wie dargelegt ist die Auswanderer-Doku produktionsseitig darauf ausgerichtet, zu unterhalten, mittels parasozialer Interaktionsangebote Bindung zum Rezipienten aufzubauen und diese sukzessive zu festigen. Dabei sind Glaubwürdigkeit und Authentizität von großer Bedeutung, weshalb Sender VOX seine Protagonisten zu Legitimationszwecken auch in anderen senderinternen Formaten auftreten lässt, wie beispielsweise „Prominent!- Das Star-Magazin“ und „Das perfekte Promi-Dinner – Goodbye Deutschland! Mallorca-Spezial“.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die eigentliche Rhetorizität bei der Auswanderer-Doku Goodbye Deutschland zu vernachlässigen ist, das Erlangen von Systase für eine gute Quote aber umso größere Bedeutung zukommt. Durch Serialität soll langfristige Bindung entstehen, gestützt durch bestmögliche Annäherung der medialen Wirklichkeit an die Alltagsrealität der Rezipienten.

Die Rolle des Zuschauers hat sich dahingehend verändert, dass er nun als vollwertiger Interaktions- und Kommunikationspartner am Geschehen teilnimmt. Ebenso befindet sich die Aufgabe des Fernsehens im Wandel: Von der Bildungsinstitution wird es sukzessive zum Medium der Zuschauer in welchem „der eigene Alltag immer mehr zur Verhandlungssache wird.“ (Mikos, 2000). Der ursprüngliche Raum der Präsentation wird zum Raum der Partizipation, das Konsumprodukt Fernsehen wird zum Kommunikationsmedium. Durch die Varianz der Handlungsstränge bei Goodbye Deutschland ergeben sich für den Rezipienten mehrere Auswahl-, Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten, die infolge individueller Relevanzstrukturen und den damit einhergehenden Programminteressen unterschiedlich realisiert werden (Raabe, 2006).

Insgesamt folgt das Hybridformat Goodbye Deutschland dem Trend des Wirklichkeitsfernsehens: „Menschen wie du und ich“ sind die neuen Stars der Fernsehunterhaltung, die in ihrem alltäglichen Umfeld agieren. Diese Protagonisten bieten hinreichende Identifikationsflächen an und spiegeln in gewisser Weise den Zuschauer, mit allen Höhen und Tiefen, die er durchlebt. Somit kann der Rezipient seine individuelle Situation emotional mit der medialen Realität verknüpfen. Dieser Effekt tritt dann auf, wenn das Dargestellte vom Zuschauer als authentisch eingestuft wird, was bei Goodbye Deutschland auf Grund von Legitimierungs- und Inszenierungsstrategien der Fall ist. Im Gegensatz zu gescripteten Doku-Soaps werden keine Darstellungstechniken aus dem fiktionalen Bereich verwendet.

Da Zuschauer bei der Rezeption der Sendung bestimmte Erwartungshorizonte abrufen und deren mögliche Erfüllung mit in die Bewertung ihres Fernseherlebnisses einfließen lassen, ist die gute Quote von Goodbye Deutschland wenig verwunderlich.  Denn grundsätzlich erfüllt Goodbye Deutschland alle Erwartungen, mit denen ein beliebiger Rezipient an ein Format herantreten würde, das vom Sender als Auswanderer-Doku ausgeschrieben ist. Somit handelt es sich um eines der erfolgreichsten Hybridformate im Bereich der nicht gescripteten Factual-Entertainment-Formate in Deutschland, welches produktionsseitig auf das Erlangen von Systase ausgerichtet ist und sich in Aufmachung, Inszenierung, Themengestaltung und Plot am antizipatorischen Adressaten- und Medienkalkül orientiert.

Autorin

Carina D. Bukenberger

Medienrhetorik & Corporate Publishing

C.Bukenberger@LEONARTO.de

Quellen und Literaturempfehlungen

Borstnar, Nils;  Pabst, Eckhard; Wulff, Hans Jürgen: Einführung in die Film- und Fernsehwissenschaft. Konstanz, 2008.

Coste, Didier: Narrative as Communication. Minneapolis, 1989.

Feuer, Jane: The Concept of Live Television: Ontology as Ideology. In: E. Ann Kaplan (Hg.): Regarding Television. Critical Approaches – An Anthology. Frederick, 1983.

Göttlich, Udo: Fernsehproduktion, factual entertainment und Eventisierung. In: montage/av. Zeitschrift für Theorie und Geschichte audiovisueller Kommunikation 10/1, 2001.

Hickethier, Knut: Die kulturelle Bedeutung medialer Emotionserzeugung. In: Anne Bartsch u.a. (Hg.): Audiovisuelle Emotionen. Emotionsdarstellung und Emotionsvermittlung durch audiovisuelle Medienangebote. Köln, 2007.

Keppler, Angela: Interaktion ohne reales Gegenüber. Zur Wahrnehmung medialer Akteure im Fernsehen. In: Peter Vorderer (Hg.): Fernsehen als „Beziehungskiste“. Wiesbaden, 1996.

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Online-Quellen:

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www.vox.de/sendungen/das-perfekte-promi-dinner-goodbye-deutschland-mallorca-spezial-1761096.html [Stand: 10.02.2016].

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