Medienrhetorische Strategien der tagesaktuellen TV-Berichterstattung

Eine „Nachrichten“-Analyse

Mai 2019      |    Medienrhetorik

Quellen und Literaturempfehlungen am Ende der Seite.

Quellen und Literaturempfehlungen am Ende der Seite.

„Nachrichten geschehen nicht, sie werden gemacht. Gäbe es keine Journalisten, so gäbe es auch keine Nachrichten, sondern nur Fakten.“

Carlos Luis Alvarez

1. Vorwort

Noch stärker als alle anderen TV-Formate unterliegen Nachrichtensendungen seit Jahrzehnten strengen Regeln, die größtenteils juristisch definiert wurden. Diese verpflichten die TV-Produzenten zu wahrheitsgemäßer, unabhängiger und objektiver Berichterstattung. Der Journalist Michael Geyer bezeichnete TV-Nachrichten vor rund 40 Jahren bereits als Quelle eines ideologiefreien Rohstoffs, „der von den Empfängern regelmäßig zur eigenen gesellschaftlichen und politischen Orientierung verarbeitet werden kann“ (Geyer, 1973) und beschrieb damit eine Art Idealzustand: Rein objektive und gänzlich ungefärbte Informationskommunikation via TV. Wie nah oder fern von diesem Ideal sich die tagesaktuelle Berichterstattung im TV inzwischen angesiedelt hat, soll im Folgenden anhand eines kleinen Querschnitts aufgezeigt werden.

Vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass auch in der medial vermittelten Kommunikation immer noch das gesprochene Wort die zentralste aller Rollen spielt, wollen wir im Folgenden die gezielte Anwendung sprachlicher Mittel in der Nachrichtenpräsentation näher betrachten. Dazu werden Beiträge des ZDF, des Hessischen Rundfunks und N-TV zum Sicherheitsalarm am Frankfurter Flughafen am 31.08.2016 auf sprachlicher Ebene vergleichend analysiert. Das Untersuchungsmaterial besteht aus allen eigenständigen Beiträgen, die am Abend des 31.08.2016 auf privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern ausgestrahlt wurden. 

Einige Forschungsansätze betrachten Rundfunk weniger als ein Medium der öffentlichen Meinungsbildung, sondern viel mehr als eminenten Faktor derselben (Vgl. Nestmann, 1979). In diesem Prozess der Meinungsbildung spielen die TV-Nachrichten eine zentrale Rolle: Das Fernsehen ist wie kaum ein anderes Medium – beinahe rituell – in den Alltag vieler Zuschauer eingebunden. Doch ist der Digital Turn nicht folgenlos am Fernsehen vorbeigezogen: Fast alle Sender setzen inzwischen auf Video-on-Demand, wodurch die einzelnen Formate noch individueller in den Alltag der Rezipierenden integriert werden können.

Hinzu kommt: Jeder Mensch kann heutzutage mit seinem Smartphone selbst zum Augenzeugenreporter werden. Handyvideos von Naturkatastrophen, Amokläufen und Straftaten überfluten das Internet und werden auch immer häufiger in TV-Nachrichten als Videomaterial genutzt. Damit einhergehend büßt sozial abgeleitetes und rein verbal vermitteltes Wissen zu Gunsten medial vermittelter Informationen immer mehr Bedeutung ein.

2. Informationskommunikation via TV

Das Fernsehbild und so auch die TV-Nachrichten fügen externe Informationen in die Lebenswelt des Rezipienten ein. Die Nahtstelle bildet das Fernsehgerät beziehungsweise der Bildschirm, welcher als rhetorischer Rahmen fungiert. Dabei müssen Form und Inhalt der Sendung einen gewissen Grad an Übereinstimmung mit externen situativen Bedingungen aufweisen, um als mediale Kommunikation erfolgreich sein zu können. Rust spricht hier von medialer Kongruenz (Rust, 1977). Dabei gilt es für die Produzenten als Oratorkollektiv sowohl Informationen an den Empfänger zu übermitteln, als auch das generelle Informationsbedürfnis der Rezipienten zu schüren. Wie unterschiedlich einzelne Sender diese kommunikativen Aufgaben gewichten, wird anhand der drei zu vergleichenden Formate ersichtlich. Idealiter gestaltet sich die Schnittmenge der Intentionen von Redaktion und Rezipient relativ groß und kompensiert durch inhaltliche Attraktivität respektive Informationsbedarf seitens der Rezipienten die kommunikative Distanz.

Als Widerstandsfaktor bei der Informationskommunikation via TV zeigt sich die meist nur kurze Aufmerksamkeitsspanne der Rezipienten. Im Zuge dessen werden Informationen immer weiter verdichtet, um in möglichst kurzer Zeit, möglichst viel Inhalt zu transportieren. Zugleich nutzen Sender Nachrichtenformate und Beiträge zur Selbstinszenierung: An Stelle einer objektiven Informationspräsentation zeigen viele Sender in den Nachrichten aus reinem Zwang zur Aktualität oberflächliche Berichte über spektakuläre Ereignisse. Es gilt eine möglichst große Schnittmenge von Nachrichteninhalt und Alltagsleben der Rezipienten herzustellen und Ereignisse durch einzelne gezeigte Gesichter, beziehungsweise einzelne Stimmen zu personalisieren.

Fernsehtexturen müssen für einen großen Adressatenkreis anschlussfähig und verständlich sein. Somit obliegt es den Produzenten, den kommunikativen Kontakt zwischen der Oratorinstanz und den unterschiedlichsten Adressatengruppen zu etablieren. Zu diesem Zweck wird situative Interaktion simuliert: Der Rezipient wird vom Moderator direkt angesprochen und eingeladen, sich ob des gezeigten Videomaterials eine Meinung zu den einzelnen Ereignissen zu bilden. Der Zuschauer selbst wird durch Inszenierungsmittel emotional involviert und eigens dazu aufgefordert, Präferenzen zu entwickeln. Dieses funktionale Vorgehen umfasst die Anwendung gewisser Adressierungsformen via Anmoderationstext, die permanente Anwendung von Eröffnungsstrategien im Off-Text, sowie die Etablierung einer Kommunikationsgemeinschaft mit dem Rezipient als Partizipant, welche durch Inszenierungsstrategien bestärkt werden kann.

Konstitutives Merkmal der medialen Massenkommunikation ist ihre Einseitigkeit: Sender- und Empfängerrollen sind statisch, wobei die Kommunikation unter „Zwischenschaltung eines symbolkonservierenden Mediums zur Überweindung räumlicher und zeitlicher Distanzen“ (Reimann, 1968) stattfindet. Durch die Mittel visueller Darstellung ist es Fernsehbildern möglich, an sich abwesende Phänomene zu vergegenwärtigen. Visuelle und auditive Elemente gehen dabei eine untrennbare Verbindung ein, weshalb Fernsehtexte als multikodal beziehungsweise multimodal zu bezeichnen sind. Ihr Potential besteht darin, Hör- und Seherfahrungsangebote kommunikativ so zu simulieren, dass eine Transparenzillusion (Knape, 2015) mittels Evidenz entsteht.

Bei intensiver Immersion kann ein Bild die Fiktion der Präsenz des Dargestellten konstruieren, wobei der Konstruktionsprozess für den Rezipienten unbemerkt bleibt. Knape und Ulrich sprechen in diesem Fall von der medienrhetorischen Technik der dissimulatio medii (ebd.).

Als eines der Ziele von Nachrichtenformaten gilt das Erlangen von Systase: Ähnlich wie bei der epideiktischen Rhetorik spielt Metabolie hier kaum eine Rolle, da primär die bestehende Gesellschaftsordnung mit ihren Normen und Werten erhalten und bestärkt werden soll (Borstnar, 2008). Dies ist in der antiken Rhetorik bereits dem genus demonstrativum zugeordnet: Kurzweilige Unterhaltung mit Bezug zur Lebenswelt der breiten Öffentlichkeit soll die reine Kunst der Beredsamkeit darstellen ohne dabei künstlich zu wirken. In der Epideiktik wird jeder Rezipient zur Integration in die Kommunikationsgemeinschaft aufgefordert, indem die Oratorinstanz Werte und Normen als mögliche Anknüpfungspunkte vorstellt. Nachrichtenformate verhandeln soziale und moralische Themen anhand der gezeigten Ereignisse. Sie stützen dies via Personalisierung der Nachrichten durch O-Töne zum Zweck der Aufmerksamkeitsgenerierung und Systaseevokation.

3. Rezeptionsmodi

Alle Bilder sind potentiell polysem, so auch das bewegte Fernsehbild, was unterschiedliche Rezeptionsmodi ermöglicht: Ein Teil der Zuschauer geht davon aus, die gezeigten Beiträge behandeln tatsächlich ihre Normen und Werte, was stark immersive Wirkung hat. Dem anderen Teil ist durchaus bewusst, dass mittels Grenzüberschreitungen und angeblichen Wertediskussionen nur ihre Aufmerksamkeit gewonnen werden soll (Vgl. Borstnar, 2008). Erstaunlicherweise neigen dennoch beide Rezipientengruppen dazu, dem Format als Zuschauer treu zu bleiben, sei es aus ernsthaftem Interesse oder Amüsement: Einige Nachrichtenformate, wie beispielsweise die RTL II News, durchbrechen den Dualismus von Information und Entertainment.

Den Aspekt des docere (lat. belehren) erfüllen hier Informationen über aktuelle Ereignisse, teilweise aus dem boulevardesken Bereich, sowie diverse Alltagsthemen. O-Töne (Originalton-Aufnahmen) zeigen Menschen, die mit den berichtenswerten Ereignissen direkt konfrontiert sind und ihre Wut, ihre Freude oder ihr Leid direkt zum Ausdruck zu bringen.

Emotionalität bringt Unterhaltung, worauf der Aspekt des delectare (lat. erfreuen) aufbaut: Die öffentliche Zurschaustellung von Gefühlsausbrüchen, Schicksalsschlägen, komischen und dramatischen Reaktionen von Menschen „wie du und ich“ dient zudem der Stützung der Authentizität, weshalb heutzutage kaum noch ein Nachrichtenbeitrag ohne O-Töne auskommt.

Der auditive Kanal

Dem gesprochenen Wort respektive dem auditiven Kanal messen wir diese besondere Bedeutung bei, da es bzw. er auch dann noch rezipiert werden kann, wenn das Bild nicht mehr gesehen wird. So beispielsweise, wenn der Rezipient dem TV-Gerät den Rücken zukehrt oder den Raum verlässt. Daher ist der strategische Umgang mit dem gesprochenen Wort unerlässlich, um den Rezipienten am Abschalten des TV-Gerätes zu hindern und in respektive nach Low-Involvement-Phasen wieder seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Gute Plot- und Informationskontinuität können sogar eine ausschließlich auditive Rezeption ermöglichen. Eine besondere Rolle spielt dabei die hermeneutische Funktion des Tons: Der Adressat geht von einer strukturellen Vollständigkeit des Fernsehprogramms aus und erwartet neben dem Ton auch die Tonquelle präsentiert zu bekommen. Der Zuschauer wird somit aktiv involviert, da er bei einer zunächst rein auditiven Rezeption die Tonquelle (beispielsweise das Gesicht einer Person, deren O-Ton zu hören ist) mit einem Blick auf den Bildschirm selbst entdecken kann (Knape, 2015).

4. Informationsvergabe

Die Informationsvergabe ist bei Nachrichtensendungen heterogen fluktuierend organisiert. Das bedeutet, der Rezipient weiß zu einem konkreten Zeitpunkt der Sendung sowohl mehr als auch weniger als bestimmte gezeigte Personen. Als Quellen für Information können gleich mehrere Figuren dienen, wie beispielsweise im Beitrag von „ZDF heute“ mit einem Sprecher der Bundespolizei, einem Luftfahrtexperten und dem Off-Sprecher. Der Rezipient sieht sich also mit wechselnden Perspektiven konfrontiert und ist dazu angehalten, mittels sich ergänzender Hypothesen sukzessive eine Kohärenz in deren Gesamtheit zu erkennen. Unter Umständen kann jedoch sogar der Fall eintreten, dass bereits gemachte Annahmen aufgrund neuer Ereignisse revidiert werden müssen. Mit dieser Strategie sollen aktiv Gefühle hervorgerufen werden, um die Aufmerksamkeit und Empfangsbereitschaft der Rezipierenden anzuregen (attentum parare und captatio benevolentiae). Gestützt von den Konzepten der Identifikation und Empathie, gelingt es mittels Emotionen die Rezipienten in einen psychischen Erregungszustand zu versetzen, dem eine subjektive Erlebnisqualität beiwohnt (Vgl. Knape, 2015). Empfindet der Zuschauer Empathie für eine interviewte Person, so sieht er sich selbst in der Rolle des Zeugen, der als Außenstehender mit dem Akteur mitleidet.

Dabei ist es, wie bereits angedeutet, zweitrangig für welchen Rezeptionsmodus sich der Adressat entscheidet; in jedem Fall geht der Zuschauer ein parasoziales Bündnis mit dem Oratorkollektiv ein. Auf textueller Ebene gilt die Emotionalisierung als charakteristisches Gestaltungsmittel des Fernsehens generell. Per Voice-Over wird gezeigtem Bildmaterial zusätzliche Bedeutung verliehen. Insbesondere für Schnittbilder wird häufig Archivmaterial verwendet, welches lediglich durch die gezielte Anwendung sprachlicher Mittel an Aktualität resp. Informationsgehalt gewinnt. Dabei werden rhetorische Stilmittel zur Affekterregung herangezogen, wie beispielsweise Pleonasmen: „[…] nur eine kleine Unachtsamkeit einer Passagierin, ein Missverständnis, ein Versehen […]“ (NTV-Beitrag).

Kognitive Entlastung? Ja, bitte!

Die Verwendung von Darstellungsmustern, Klischees, Stereotypen und Frames fungiert immer auch als kognitive Entlastung für die Rezipierenden (Keppler, 1996). Insbesondere bei der tagesaktuellen Berichterstattung wird das Videomaterial spezifisch komprimiert, wobei einzelne Szenen aus dem Gesamtkontext herausgelöst werden. Und das ist okay, denn Nachrichtenformate zielen gar nicht darauf ab, die gezeigten Personen vielschichtig und psychologisch differenziert darzustellen: Gerade die Überzeichnung einzelner Charaktere macht komplexe Information leicht verständlich. Durch die strategische Auswahl von O-Tönen wird einem breiten Publikum die Möglichkeit geboten, die ‚Vorlagen‘ mit eigener Bedeutung zu füllen.

 

5. Scriptanalyse

Natürlich gilt auch bei der Vertextung von TV-Nachrichten: Die Lehre der elocutio bezweckt die Vollkommenheit der Formulierung. Die virtutes dicendi (die Stildisziplinen puritas (Sprachrichtigkeit), perspicuitas (Klarheit der Sprache), aptum (Angemessenheit) und brevitas (Kürze des Ausdrucks)) sind von zentraler Bedeutung für die Textstruktur und Ausformulierung von Nachrichtenmeldungen. Daraus ergeben sich Einfachheit und Korrektheit in Satzbau und Wortwahl, Ordnung im Aufbau, Kürze und Prägnanz in der Formulierung, sowie Rezipientenstimulanz als Maximen der Nachrichtenvertextung.

Da die Produzenten bei O-Tönen keinen respektive kaum Einfluss auf die Aussagen und Formulierungsweisen der Interviewten haben, muss die Auswahl strategisch erfolgen: Menschen die emotional kommensurabel auf ein zu kommentierendes Ereignisse reagieren, werden häufig hintereinander geschnitten. Auf diese Weise entsteht für den TV-Rezipienten der Eindruck, die emotionale Reaktion dieser ausgewählten Menschen sei repräsentativ für einen Großteil der Menschen vor Ort. Eine solche Selektion wird von den Produzenten zwar nicht verheimlicht, doch ist fraglich, ob sich der durchschnittliche Zuschauer dessen bewusst ist. Mittels Off- und Moderationstexten werden die einzelnen O-Töne inhaltlich in Verbindung gesetzt.

5.1 ZDF heute

Mod-Text 1 von Marietta Slomka: „Im Zusammenhang mit der Flüchtlingspolitik gibt es auch ein einprägsames Zitat von Wolfgang Schäuble: „Man kann eine Lawine auslösen, nur dadurch, dass irgendein unvorsichtiger Skifahrer an den Hang geht und ein bisschen Schnee bewegt.“ Unabhängig davon, wie Schäuble das nun politisch gemeint hatte. Im Leben gibt es das ja immer wieder, dass eine kleine Ursache eine riesen Wirkung entfaltet. So geschehen heute am Frankfurter Flughafen. Eine Passagierin war es, die gewissermaßen an den Hang ging und eine Lawine auslöste. Ein ganzer Teil des Flughafens wurde evakuiert, dadurch geriet dann natürlich auch der gesamte Flugverkehr aus den Fugen. Etwa hundert Flüge wurden annulliert. Isabelle de la Vega berichtet.“

Off-Text 1: „Eine Erklärung gibt es nicht, als die Bundespolizei beginnt, das Terminal 1 zu räumen. Gerüchte sprechen von einer Bombendrohung, die Zufahrt wird vorrübergehend gesperrt, Fluggäste aus den Flugzeugen wieder herausgeholt. An die 10.000 Menschen warten, können nicht weiter, verlieren ihre Anschlussflüge. Dann die überraschend triviale Erklärung für den Großalarm: Eine 25-jährige Frau mit zwei Kindern sei an der Sicherheitskontrolle einfach weitergegangen.“

O-Ton 1, (Christian Altenhofen, Sprecher Bundespolizei): „Es scheint offensichtlich so zu sein, dass es hier sich um ein Missverständnis, also die Kontrolle war – wie gesagt – noch nicht abgeschlossen und ehe sich der Luftsicherheitsassistent wohl versah, hat die Passagierin schon die Kontrollstelle verlassen.“

Off-Text 2: „Wie es sein konnte, dass weder Kontrolleure noch Polizisten die Frau angehalten haben, dazu will sich die zuständige Bundespolizei vor der Kamera nicht äußern. Die Sicherheitsmaßnahmen seien angemessen gewesen, – mit teuren Konsequenzen: Experten schätzen die Kosten für den lahmgelegten Flugbetrieb auf einen zweistelligen Millionenbetrag.“

O-Ton 2, (Heinrich Großbongardt, Luftfahrtexperte): „Auf den Kosten denke ich wird, am Ende die Lufthansa sitzen bleiben, der Frankfurter Flughafen und natürlich die Passagiere, soweit denen Schaden entstanden ist und der nicht entschädigt werden kann.“

Off-Text 3: „Die Störungen im Flugbetrieb könnten noch bis morgen früh andauern.“

Quelle: www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2825468/ZDF-heute-journal-vom-31.-August-2016#/beitrag/video/2825468/ZDF-heute-journal-vom-31.-August-2016 – Zuletzt: 02.09.16.

Marietta Slomka, die die Sendung „ZDF heute“ am 31.08.16 um 21:40 Uhr moderierte, leitete den Beitrag zum Sicherheitsalarm für das Format außergewöhnlich ausführlich ein: Zunächst wird Wolfgang Schäubles Skifahrer-Allegorie zitiert, dann auf die aktuellen Ereignisse Bezug genommen, wobei grobe Daten genannt werden („etwa hundert Flüge“). Das Oratorkollektiv verlässt sich also darauf, dass die Rezipienten ein gewisses Hintergrundwissen mitbringen und sich an den Lawinen-Vergleich des CDU-Politikers im November 2015 erinnern. Der Off-Text des Beitrags beginnt in-medias-res: „Eine Erklärung gibt es nicht, als die Bundespolizei beginnt, das Terminal 1 zu räumen.“ Attentum parare im ersten Satz, im zweiten wird der Gesamtzustand am Flughafen im Präsens als chaotisch beschrieben, wobei die Tempuswahl Immersion begünstigt: „Gerüchte sprechen von einer Bombendrohung, die Zufahrt wird vorrübergehend gesperrt, Fluggäste aus den Flugzeugen wieder herausgeholt.“ Diese Gerüchte hier sogar in personifizierter Form (Gerüchte sprechen) zu erwähnen, dient dem Zweck der Affekterregung. Es wird sich zeigen, dass nicht alle Beiträge auf dieses Mittel zurückgreifen.

Im Gegensatz zum Beitrag des Hessischen Rundfunks wird die Frage nach der Schuld direkt zu Beginn, in Off-Text 1, beantwortet: „Dann die überraschend triviale Erklärung für den Großalarm: Eine 25-jährige Frau mit zwei Kindern sei an der Sicherheitskontrolle einfach weiter gegangen.“ „ZDF heute“ leitet also in dem 1:40 minütigen Beitrag bereits nach 20 Sekunden die Peripetie ein. Der erste O-Ton stammt vom Sprecher der Bundespolizei, Christian Altenhofen. Seine Äußerungen bringen die immer noch andauernde Unsicherheit der Polizei zum Ausdruck („Es scheint offensichtlich so zu sein […]“) und vermitteln dem Zuschauer daher das Gefühl, nun den tatsächlichen Wissensstand der Polizei zu erfahren. Andererseits könnte auch der Eindruck entstehen, die Polizei sei selbst nicht informiert und habe die Lage selbst am Abend noch nicht im Griff: Vermutlich wurden die O-Töne direkt am Vormittag kurz nach den Ereignissen am Fraport aufgenommen, was für den Zuschauer allerdings nicht ersichtlich ist. Daher könnte dieser O-Ton gezielt ausgewählt worden sein, um die Bundespolizei mit den Worten des eigenen Pressesprechers in ein schlechtes Licht zu rücken.

Off-Text 2 übt offen Kritik am Vorgehen der Sicherheitsbeamten, was angesichts des soeben eingeblendeten Vertreters der Polizei leicht befremdlich wirkt: „Wie es sein konnte, dass weder Kontrolleure noch Polizisten die Frau angehalten haben, dazu will sich die zuständige Bundespolizei vor der Kamera nicht äußern. Die Sicherheitsmaßnahmen seien angemessen gewesen – mit teuren Konsequenzen.“ Da die Polizei als Autorität vom Off-Text in diesem Zusammenhang kritisiert wurde, wird nun in Form des Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt eine neue Autorität eingeführt, der der Zuschauer Glauben schenken kann. Großbongardt schätzt den entstandenen finanziellen Schaden ein und beschreibt die Konsequenzen für die Passagiere, welche teilweise finanziell unter der Fehleinschätzung der Polizei leiden werden. Auf diese Weise stärkt der O-Ton von Großbongardt die Zuschauerbindung, da sich der TV-Rezipient unweigerlich mit den verwirrten Fluggästen identifizieren wird, denn sie sind „wie du und ich“.  „ZDF heute“ verzichtet auf einen summierenden Abschlusssatz, formuliert stattdessen einen Ausblick im Konjunktiv, welcher einen ähnlich geringen Informationsgehalt bietet: „Die Störungen im Flugbetrieb könnten noch bis morgen früh andauern.“

Von Marietta Slomka kreativ eingeleitet, hält der Beitrag was er verspricht: Nach relativ kurzer Zeit sind alle Eckdaten an den Zuschauer übermittelt („etwa hundert Flüge annulliert“, „10.000 Menschen warten“, „25-jährige Frau mit zwei Kindern“, „Missverständnis“). Die Aussage des Beitrags lässt sich wie folgt zuspitzen: Junge Frau löst aufgrund unangemessenen Verhaltens des Sicherheitspersonals versehentlich Sicherheitsalarm aus, viele Fluggäste mussten warten und die finanziellen Folgen tragen. Diese Aussage wird durch O-Töne von Passanten und Testimonials gestützt.

5.2 Hessischer Rundfunk: Maintower

Off-Text 1: „Um 10:42 Uhr heute die Schreckensmeldung: Über 60 Flugsteige im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens müssen evakuiert werden. Schnell grassieren Horrorvorstellungen von Sprengstofffunden und einem möglichen Attentäter. Was wirklich geschieht, weiß Christian Althofen von der Bundespolizei.“

O-Ton 1 (Christian Althofen, Bundespolizei): Ja, wir hatten heute in dem Bereich Terminal 1 Flugsteig A eine Person, die den luftsicherheitskontrollierten Sicherheitsbereich des Flughafens betreten hat, ohne dass deren Luftsicherheitskontrolle abgeschlossen war.

Off-Text 2: „Die Person hat angeblich einen Sprengstoffalarm ausgelöst, doch sie ist zunächst verschollen, weshalb die Polizei mit der Evakuierung beginnt. Bis 12 Uhr müssen mehrere 1000 Fluggäste das Gebäude verlassen. Doch nur eine halbe Stunde später wird der Betrieb wieder aufgenommen, allerdings mit Gedränge, Geschubse und allgemeiner Planlosigkeit, was war und wie es weiter geht.“

O-Ton 2: „Wir ham gar nichts mitbekommen, die Lautsprecher hier haben nicht gut funktioniert. Ich habs über Facebook gelesen, eine Freundin hat einen Post gemacht.

O-Ton 3, aus dem Englischen übersetzt: „Keiner hat überhaupt irgendwelche Informationen, das ist Chaos.“

O-Ton 4: „Da ist kein Krisenmanagement, da ist gar nichts! Kein Mensch sagt wirklich was los ist und das finde ich einfach nur katastrophal.

Off-Text 3: „Angst vor einem Anschlag haben die wenigsten, die meisten sind genervt.“

O-Ton 5: „Man kommt sich da vor wie eine Herde Vieh, hier ist es unerträglich warm drin, also das geht gar nicht.“

O-Ton 6: „Ja klar ist es ärgerlich, ich mein, wir waren grade dabei, dass es los geht.“

O-Ton 7, aus dem Englischen übersetzt: „Wir saßen schon im Flugzeug und hätten um 10 Uhr losfliegen sollen und dann wurde es auf einmal chaotisch. Wir mussten den Flieger wieder verlassen und zurück ins Gebäude.

Off-Text 4: „Bei allem Ärger: Die Polizei hat die verdächtige Person geschnappt und gibt Entwarnung.“

O-Ton 8 (Christian Althofen, Bundespolizei): „Wir haben allerdings diese Person, bei der es sich um eine Dame handelt, 25 Jahre alt, festgestellt. Sie ist derzeit noch bei uns in den Räumlichkeiten und wird zu dem Sachverhalt befragt. Es scheint offensichtlich so zu sein, dass es hier sich um ein Missverständnis, also die Kontrolle war – wie gesagt – noch nicht abgeschlossen und ehe sich der Luftsicherheitsassistent wohl versah, hat die Passagierin schon die Kontrollstelle verlassen.“

Off-Text 5: „Inzwischen scheint klar zu sein: Die Frau hat keine verdächtigen Gegenstände bei sich. Ein Fehlalarm, der viel Chaos und hundert annullierte Flüge verursacht hat.“

Quelle: www.ardmediathek.de/tv/maintower/Frankfurter-Flughafen-wird-ger%C3%A4umt/hr-fernsehen/Video?bcastId=3414220&documentId=37447834 – Zuletzt: 02.09.16.

 

Der Beitrag des Hessischen Rundfunks zum Sicherheitsalarm am Frankfurter Flughafen wurde am 31.08.16 im Magazin „Maintower“ um 18:00 Uhr ausgestrahlt. Er besteht aus acht O-Tönen und fünf Off-Texten. Im ersten Satz des ersten Off-Textes werden Zahlen und Fakten präsentiert: „Um 10:42 Uhr heute die Schreckensmeldung: Über 60 Flugsteige im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens müssen evakuiert werden.“ Es entsteht der Eindruck, die Rezipienten erwartet ein gut recherchierter, auf verifizierten Fakten basierender Beitrag. Auch an dieser Stelle werden Gerüchte bzw. in diesem Fall „Horrorvorstellungen von Sprengstofffunden und einem möglichen Attentäter“ zitiert, was dem Beitrag künstlich Brisanz und Spannung verleiht.

Zwei der acht O-Töne stammen vom Sprecher der Bundespolizei, Christian Altenhofen, dessen erste Aussage vom Off-Text mit den Worten „Was wirklich geschieht, weiß Christian Altenhofen von der Bundespolizei.“ eingeleitet wird. Seine Aussagen sollen als absolut glaubhaft dargestellt werden und repräsentieren im Clip die „Stimme der Vernunft“: Er personifiziert die Autorität der Polizei und tritt als Testimonial der Staatsgewalt auf. Im Beitrag wird Altenhofen als einziger mit einer Bauchbinde namentlich kenntlich gemacht. Das ausgewählte Zitat besteht aus einem Satz, der angesichts des verwendeten Vokabulars recht sperrig wirkt: „Ja, wir hatten heute in dem Bereich Terminal 1 Flugsteig A eine Person, die den luftsicherheitskontrollierten Sicherheitsbereich des Flughafens betreten hat, ohne dass deren Luftsicherheitskontrolle abgeschlossen war.“

Dieser Auswahl kann die Absicht unterstellt werden, die Bundespolizei als verkopft und volksfern darstellen zu wollen. Besonders auffällig ist hier, dass die O-Töne von Altenhofen sowohl den Anfang, als auch das Ende des Beitrags markieren. Diese strategische repetitio in Form eines gespiegelten Strukturaufbaus lässt den Rezipienten am Ende des Clips die Thematik gedanklich rekapitulieren und ist ein gern genutztes Mittel, um den Adressaten auf das Ende eines Beitrags vorzubereiten.

O-Ton 1 von Altenhofen soll zunächst Interesse wecken: Die Täterin wird hier lediglich als „Person“ beschrieben. In O-Ton 8 von Altenhofen, welcher das Ende des Beitrags bildet, verrät er, dass es sich um eine 25-jährige Dame handelt und der Vorfall durch ein Missverständnis ausgelöst wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt gelingt es dem Oratorkollektiv die zu Beginn aufgebaute Spannung zu halten: Sechs O-Töne von aufgebrachten Fluggästen beschreiben die chaotischen Zustände am Morgen des 31.08.16 am Frankfurter Flughafen („Da ist kein Krisenmanagement, da ist gar nichts! Kein Mensch sagt wirklich was los ist und das finde ich einfach nur katastrophal!“), bis Off-Text 4 nach knapp 2:00 Minuten des insgesamt 2:35 minütigen Beitrags schließlich die Peripetie einleitet: „Die Polizei hat die verdächtige Person geschnappt und gibt Entwarnung.“ Ein letztes Mal impliziert das verwendete Vokabular („geschnappt“), dass es sich um eine mutwillig rechtswidrig agierende Person handelt, bevor Altenhofen in O-Ton 8 das Rätsel auflöst und der Zuschauer endlich aufatmen kann. Das letzte Fazit wird dennoch vom Off-Sprecher formuliert, vermutlich zu Verständnis zwecken: „Ein Fehlalarm, der viel Chaos und hundert annullierte Flüge verursacht hat.“ Mit diesem einfach formulierten, summierenden Satz wird der Zuschauer in den Rest der Sendung entlassen.

Insgesamt fällt auf, dass der Hessische Rundfunk sprachliche Mittel zu Dramatisierungszwecken einsetzt und eine relativ unspektakuläre Meldung mittels O-Tönen von Passanten und einem Vertreter der Bundespolizei zu einem 2:35 minütigen Spektakel der Verwirrung und Entrüstung werden lässt.

5.3 N-TV

Off-Text 1: „Es war nur eine kleine Unachtsamkeit einer Passagierin, ein Missverständnis, ein Versehen, doch das Chaos auf Deutschlands größtem Airport war perfekt: Eine Frau mit zwei kleinen Kindern gelangte ohne entsprechende Kontrolle in den Sicherheitsbereich. Offenbar dachte sie, ihre Überprüfung sei schon abgeschlossen. Daraufhin wurde der Sicherheitsalarm ausgelöst, Teile des Terminal 1 mussten evakuiert werden. Viele Passagiere waren verunsichert.“

O-Ton 1: „Ich fühl mich unwohl und wir haben uns gesagt, wir wollen so schnell wie möglich aus dem Flughafenbereich raus.“

O-Ton 2: „Mir ist es lieber unser Flug wurde, ja, gecancelt und wir können dann morgen weiter fliegen oder heut Abend vielleicht, wie wenn da noch irgendwas passiert.“

O-Ton 3: „Äh übertrieben in der heutigen Situation würde ich nicht sagen, denn wenn dann irgendwas passiert, dann heißts „Warum?““

Off-Text 2: „Fast alle Reisenden hatten Verständnis für die eingeleiteten Sicherheitsmaßnahmen. Auch die Polizei zog ein positives Fazit.“

O-Ton 4 (Christian Altenhofen, Sprecher der Bundespolizei): „So einen Sachverhalt nimmt man nicht gelassen, der ist professionell vorbereitet. Wir haben Konzepte die in diesem Zusammenhang funktioniert haben. Und wir sind da sehr sensibel…“

Off-Text 3: „Zahlreiche Passagiere mussten Verspätungen hinnehmen, rund hundert Flüge wurden gestrichen. Inzwischen hat der Frankfurter Flughafen den Flugverkehr wieder aufgenommen. Auch die Frau, die das Chaos versehentlich ausgelöst hatte, konnte nach einer Vernehmung bei der Polizei ihre Reise wieder fortsetzen.“

Quelle: www.n-tv.de/mediathek/videos/panorama/Mutter-legt-Frankfurter-Flughafen-teilweise-lahm-article18538251.html – Zuletzt: 02.09.16.

 

Der Beitrag von N-TV wurde am 31.08.16 zwischen 16.00 Uhr und 18.00 Uhr zwei Mal gesendet und beginnt direkt mit der Offenlegung der Tatsachen. Bereits der erste Satz des ersten Off-Textes verrät, dass der Sicherheitsalarm versehentlich ausgelöst wurde: „Es war nur eine kleine Unachtsamkeit einer Passagierin, ein Missverständnis, ein Versehen…“.

Dieser Pleonasmus umschreibt auf sympathische Weise, was für viele Fluggäste in Frankfurt an diesem Tag ein wirkliches Ärgernis darstellte. Es folgen drei O-Töne von Menschen, die angesichts des Vorgehens der Polizei offenbar froh sind: „Mir ist es lieber unser Flug wurde, ja, gecancelt […], wie wenn da noch was passiert.“

Off-Text 2 stützt diesen Eindruck und färbt den folgenden O-Ton vom Sprecher der Bundespolizei, Christian Altenhofen, mit den Worten „Auch die Polizei zog ein positives Fazit.“ Altenhofen beschreibt die Polizei in seiner Aussage als „professionell vorbereitet“ und inszeniert den Vorfall als gute Übung und positives Beispiel, wie die Polizei mit derartigen Ereignissen umgehen kann. In Off-Text 4 werden schließlich die negativen Folgen für einige Fluggäste dennoch kurz erwähnt. Den Schluss bildet allerdings wieder die positive Nachricht, dass der Flugverkehr wieder aufgenommen wurde und sogar die verdächtigte Dame ihre Reise inzwischen fortsetzen konnte.

N-TV versucht mit diesem Beitrag ein möglichst positives Bild der Geschehnisse an den Adressaten zu übermitteln: Ausschließlich O-Töne von beruhigten Fluggästen werden gezeigt, die mit dem Vorgehen des Sicherheitspersonals zufrieden sind. Diese Auswahl steht im starken Kontrast zu den vom Hessischen Rundfunk ausgewählten O-Tönen, die ausschließlich von aufgebrachten Fluggästen stammen. Während also der Hessische Rundfunk ein dramatisches Bild von den Geschehnissen am Frankfurter Flughafen zeichnet und das ZDF versucht, die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf die Kostenproblematik zu lenken, gelingt es N-TV mit geschickter Auswahl der O-Töne eine komplett gegenläufige Sichtweise darzustellen und mit dem Beitrag zum Sicherheitsalarm sogar das Image der Polizei zu pflegen.

6. Fazit

Aus den durchgeführten Textanalysen geht hervor, dass aus einzelnen Ereignissen allein durch die strategische Anwendung von Sprache, unterschiedlichste Beiträge mit ebenso unterschiedlichen Botschaften entstehen können:

Das ZDF verarbeitet das Ereignis zu einem Beitrag, der insgesamt als informativ und faktenreich beschrieben werden kann. Die O-Töne vom Pressesprecher der Bundespolizei lassen den Beitrag weitaus weniger volksnah erscheinen, als die Beiträge des HR und N-TV, welche zwar auch mit Altenhofen als Testimonial gearbeitet haben, allerdings andere O-Töne auswählten. Im Gegenteil: Das ZDF legt Wert auf fundierte Information und interviewt anstelle von Fluggästen lieber einen Luftfahrtexperten und hebt sich damit von der Konkurrenz ab. Das Image der Polizei leidet im Beitrag von ZDF heute etwas, wodurch sich die öffentlich-rechtliche Sendeinstanz betont kritisch zeigt, möglicherweise um Vorurteilen entgegenzuwirken. Für derartige Imagepflege bietet sich die Berichterstattung über ein solch eigentlich belangloses Ereignis geradezu an.

Der Beitrag des Hessischen Rundfunks scheint angesichts des runden Spannungsbogens wohl durchdacht und überzeugt mit echten Emotionen: Die Enttäuschung und Aufregung der interviewten sechs Personen wird von der Kamera eingefangen und im besten Fall zumindest teilweise auf den Rezipienten übertragen. Somit lässt sich feststellen, dass das Oratorkollektiv versucht, den Zuschauern eine gewisse negative Bewertung des Vorfalls, insbesondere des Vorgehens der Polizei, aufzuoktroyieren.

N-TV überrascht mit einem recht sachlichen Beitrag zum Sicherheitsalarm am Fraport, angesichts der Tatsache, dass der Sender ein Unternehmen der Mediengruppe RTL Deutschland ist. Somit können Vorurteile gegenüber Privatsendern in dieser Arbeit nicht belegt werden, – ganz im Gegenteil: N-TV verzichtet als einziger der drei vorgestellten Sender darauf, durch das gezielte Zurückhalten von Informationen künstlich Spannung zu erzeugen. Als mögliche Erklärung wäre anzuführen, dass N-TV als Informationsspartensender bei der tagesaktuellen Berichterstattung gezielt auf gewisse Inszenierungsstrategien verzichtet, was allerdings noch zu belegen wäre.

Anhand der analysierten Beiträge zum Sicherheitsalarm am Fraport lässt sich feststellen, dass sprachliche Mittel in der tagesaktuellen TV-Berichterstattung gezielt zur strategischen Beeinflussung der Zuschauer eingesetzt werden. Auf diese Weise erhalten Berichterstattungen eine latente Färbung, weshalb bei TV-Nachrichten keinesfalls (mehr) von „ideologiefreiem informatorischem Rohstoff“ (Geyer, 1973) gesprochen werden kann. Dennoch verwenden Rezipienten die Inhalte von Nachrichtensendungen zur eigenen gesellschaftlichen und politischen Orientierung, weshalb die Verantwortung der TV-Produzenten auch heutzutage noch immens ist.

Autorin

Carina D. Bukenberger

Medienrhetorik & Corporate Publishing

C.Bukenberger@LEONARTO.de

Quellen und Literaturempfehlungen

Borstnar, Nils;  Pabst, Eckhard; Wulff, Hans Jürgen: Einführung in die Film- und Fernsehwissenschaft. Konstanz, 2008.

Ebner, Wolfgang: Kommunikative Probleme tagesaktueller Berichterstattung im Fernsehen. Dargestellt am Beispiel der Landesschau Baden-Württemberg. Frankfurt a.M., 1986.

Feuer, Jane: The Concept of Live Television: Ontology as Ideology. In: E. Ann Kaplan (Hg.): Regarding Television. Critical Approaches – An Anthology. Frederick, 1983.

Geyer, Michael: Nachrichten und gesellschaftliche Interessen – Überlegungen zu einer öffentlich-rechtlichen Misere. In: Schmidt, H.; Paetzoldt, U. (Hg.): Solidarität gegen Abhängigkeit – auf dem Weg zur Mediengewerkschaft. Neuwied-Darmstadt, 1973.

Göttlich, Udo: Fernsehproduktion, factual entertainment und Eventisierung. In: montage/av. Zeitschrift für Theorie und Geschichte audiovisueller Kommunikation 10/1, 2001.

Graebe, Helmut: Information und Gestaltung. Untersuchung zur Wirkung visueller Gestaltungstechnik von Fernsehnachrichten. Opladen, 1988.

Keppler, Angela: Interaktion ohne reales Gegenüber. Zur Wahrnehmung medialer Akteure im Fernsehen. In: Peter Vorderer (Hg.): Fernsehen als „Beziehungskiste“. Wiesbaden, 1996.

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Online-Quellen:

www.ardmediathek.de/tv/maintower/Frankfurter-Flughafen-wird-ger%C3%A4umt/hr-fernsehen/Video?bcastId=3414220&documentId=37447834 – Zuletzt: 02.09.16.

www.n-tv.de/mediathek/videos/panorama/Mutter-legt-Frankfurter-Flughafen-teilweise-lahm-article18538251.html- Zuletzt: 02.09.16.

www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2825468/ZDF-heute-journal-vom-31.-August-2016#/beitrag/video/2825468/ZDF-heute-journal-vom-31.-August-2016 [Zuletzt: 02.09.16]

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