Die rhetorische Inszenierung von Stereotypen

am Beispiel der Scripted-Reality-Show „Beauty & the Nerd“

Juni 2019      |    Medienrhetorik

Quellen und Literaturempfehlungen am Ende der Seite.

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Aus Gründen einer verbesserten Lesbarkeit wird im folgenden Text das generische Maskulinum verwendet. Dies beinhaltet keinerlei Wertung und schließt sämtliche Geschlechteridentitäten mit ein.

1. Vorwort

Seit 1999 die niederländische Firma Endemol Entertainment die erste Staffel Big Brother produzierte, erfreut sich Reality-TV in Deutschland größter Beliebtheit. Schon bald wurde das neue Format mit Authentizitätsversprechen um die verschiedensten Handlungsstränge erweitert: Casting und Coaching werden in den 2010er Jahren zum Quotengaranten. Geboren war die coachende Scripted-Reality-Show:

2000   Popstars
2002   Deutschland sucht den Superstar
2004   Die Super Nanny
2005   Rach – Der Restauranttester
2006   Germany’s next Topmodel
2007   Raus aus den Schulden
2008   Der Hundeprofi

Reality-TV präsentiert für die Zuschauer lebensweltlich relevante Anknüpfungspunkte durch inszenierte Authentizität in einem sonderkommunikativen Rahmen. Auf diese Weise greift  das tua-res-agitur-Prinzip (lat.: deine Sache wird verhandelt), was die Rezipierenden bestenfalls zu einer (gedanklichen) Wertediskussion anregt. Und auch bei coachenden Formaten gilt:

Das Ziel einer Show ist die Show – nicht etwa die dauerhafte Partnervermittlung, die Begünstigung von Talentierten oder die Rettung einer Gaststätte vor dem Bankrott.

Der Zuschauer möchte während der Sendung unterhalten werden, nicht danach. Ebenso möchten die Produktionsfirma, der Sender und das Management direkt profitieren, z.B. durch Werbeeinnahmen oder Telefon-Votings. Zusätzlich werden die Online-Portale der Sender, sowie diverse Boulevardinstitutionen mit Material zur aktuellen Show und den Personae (lat.: inszenierte Figuren) bestückt, sodass auch formatexterne Faktoren zur Festigung der Stereotype beitragen können. Somit stehen die Teilnehmer und Gewinner von Reality-Shows am Ende meist als alleinige Verlierer der Formate fest, da sie das für sie konstruierte (negative) Image in der Öffentlichkeit oft nur schwer ablegen können.

Doch was ist das Geheimnis der Scripted-Reality-Begeisterung in Deutschland? Ist es die dimissive Rezeption demütigender Inszenierungen, die das Herz des deutschen Privat-TV-Zuschauers höher schlagen lässt? Begeistert ihn die eindimensionale Charakterzeichnung oder die Erinnerung an längst vergangene Zeiten, wenn Frauen voller Überzeugung Dinge sagen wie „Ich bin schöner als meine Intelligenz!“?

Entsprechend der von Pörksen und Krischke (2010) gesammelten Informationen zum Reality-TV, gehen wir im Folgenden von der Annahme aus, dass teilnehmende Kandidaten vor der Kamera keine komplett fiktive Rolle spielen, allerdings in einzelnen Situationen vom Produktionsteam, welches im Folgenden als Oratorkollektiv betrachtet wird, zu bestimmtem Handeln angeleitet wurden.

Dabei werden gezielt gewisse Charakterzüge hervorgehoben, die dem Stereotyp, der dargestellt werden soll, entsprechen. Gleichzeitig referieren die Aussagen, welche die Kandidaten teilweise auf Anraten des Oratorkollektivs tätigen, immer auf eine Gruppenzugehörigkeit, sei es die des eigenen oder die des anderen Geschlechts, worauf sich die These, dass es sich hier um den gezielten Einsatz von Kommunikationsverfahren handelt, stützt.

 

2. Das Show-Konzept

2013 fragten sich rund 1,6 Millionen Fernsehzuschauer: Sind die Männer von „Beauty & the Nerd“ (im Folgenden „B&TN“) wirkliche Problemfälle oder handelt es sich bei den Herren in Pullunder und Kniestrümpfen um Schauspieler?

Das Konzept der Sendung ist schnell erklärt: Acht „scheue Superhirne in Tennissocken“ treffen auf acht „selbstbewusste Superfrauen in High Heels“. Wie der Taube den Blinden führt, so sind auch diese Kandidaten dazu angehalten, eine Symbiose einzugehen. Sie sollen voneinander lernen und bestenfalls gruppenübergreifend romantische Beziehungen eingehen. Die 16 Teilnehmer polarisieren, provozieren und kritisieren. Sie agieren als Exponenten der Distanzkommunikation und ermöglichen es dem Zuschauer, eine intensive Bindung zum Format herzustellen. Sie sprechhandeln im Format eindeutig als Vertreter gewisser Bevölkerungsgruppen. Bis zu welchem Grad dabei tatsächlicher Charakter und Rollenanweisung Überschneidungen aufweisen, kann nur gemutmaßt werden.

Betrachtet man die Inszenierung von Stereotypen im Reality-TV als rhetorisches Kommunikationsverfahren, so steht dahinter die Vorstellung von einer Handlungsweise, für die sich die Produzenten als strategische Kommunikatoren bewusst und ausgerichtet an den extrinsischen Bedingungen entschieden haben. Das Kommunikationsverfahren besteht aus einem bestimmten Repertoire von sprachlichen, textlichen und medialen Techniken, welches so im Wissensvorrat der Gesellschaft verankert ist, dass es vom Adressat intuitiv dekodieren werden kann. Somit handelt es sich um ein Ablaufschema, das zwar an Einzelfälle angepasst wird, jedoch gleichbleibende Strukturmerkmale aufweist. Das macht es wiederum zu einem regelgeleiteten, routinierten und wiederholbaren Verfahren, welches dementsprechend auch in anderen Scripted-Reality-Formaten nachgewiesen werden kann.

Aus terminologischen Gründen wird die Gruppe der Damen wird im Folgenden als „Beauties“ und die der Herren als „Nerds“ bezeichnet, was allein auf der vom Format vorgegebenen Rollenbezeichnung beruht und keinerlei Wertung beinhaltet.

Wie Clickbait-Thumbnails entstehen

Spielaufbau: Die Paare müssen sich bei 30°C eine Stunde lang in den Arm nehmen. Das Gewinnerteam dieser Challenge bekommt für das große Entscheidungsquiz einen Joker und erfährt vor dem Quiz das Thema. Derartige Spiele sind darauf ausgelegt, komische Situationen zu provozieren und aussagekräftiges Bildmaterial für die medienübergreifende Vermarktung des Formats zu sammeln. So entstand während der sog. „Umarmungs-Challenge“ beispielsweise das Thumbnail für Folge Zwei auf der Homepage von Pro7. Ohne den Hinweis auf diese Prüfung entsteht zwangsläufig der Eindruck, die Kandidaten befänden sich auf diesem Bild tatsächlich in innigen Posen, liefern also in Form von Bildtext Informationen, die beim Rezipient gezielt falsche Erwartungen wecken, da sie falsche Schlüsse evozieren.

Grafik: ProSiebenSat.1 Digital GmbH. Christian Dankl (CEO): Beauty & The Nerd. Staffel 1, Folge 2. Abrufbar unter: www.prosieben.de/tv/beauty-and-the-nerd/video/12-ganze-folge-2-ganze-folge

3. Die coachende Scripted-Reality-Show

Das Sendungsformat der Reality-Show, gemischt mit castenden ergo selektiven Elementen, ist dem Affektfernsehen zuzuordnen, welches Einzelschicksale thematisiert und geltende Tabus in Frage stellt oder bricht, um beim Rezipienten sensationsorientierte Effekte zu erreichen. Zielsetzung und Vorgehensweisen erinnern an die epideiktische Rhetorik: Das Endprodukt soll „kurzweilig und unterhaltsam sein, sich auf den Alltag und die Lebenswelt des Publikums beziehen, die Kunst der Beredsamkeit vorführen, ohne allzu künstlich zu wirken, und sie soll für deine breite Öffentlichkeit konsensfähig sein.“ (Knape, 2015)
Verzichten coachende Formate auf den Vorwand der Talentsuche, so fällt auch meist die Zuschauerpartizipation in Form von Telefon- und Online-Votings weg. Die Selektion der Kandidaten erfolgt in diesem Fall einzig über showinterne Wettbewerbe unter den Teilnehmenden, was dem Sender zeitliche Unabhängigkeit bezüglich der Ausstrahlung einbringt.

Als Rahmen der Shows fungiert häufig ein Ort im Ausland, der die Entwicklung eines eigenständigen Mikrokosmos fördert. (B&TN und Der Bachelor drehten in Südafrika, Die Bachelorette in Portugal, Deutschland sucht den Superstar und Germany’s next Topmodel weltweit.) Zusätzlich sollen exotische Drehorte dazu dienen, den Rezipienten zum Träumen einzuladen und Immersion zu fördern.

Das dimissiv rezipierende Publikum wird durch die Aufzeichnung von Interviews und Situationen durch die Kamera angesprochen und kann im Falle von B&TN über vier Folgen, also einen Ausstrahlungszeitraum von vier Wochen, eine Bindung zu den gezeigten Personae aufbauen. Diese Bindung ist Voraussetzung für das immersive Erleben der Show: Die Kandidaten durchlaufen eine beinahe märchenhafte Verwandlung, welche in einem tränenreichen Finale kulminiert.

Heldenreise nach Script

Der Heldenreise bzw. der Verwandlung der Teilnehmenden kann eine ganz unterschiedlich große Bedeutung zukommen: Bei Der Bachelor oder Bauer sucht Frau haben die Kandidatinnen und Kandidaten zu Beginn der Staffel bereits ihre Rolle, die sie bis zu ihrem Ausscheiden weiter ausfüllen. Im Gegensatz dazu steht bei B&TN der Coaching-Gedanke im Vordergrund, weshalb für die männlichen Kandidaten je ein erstes und ein zweites Image entworfen wird. Daher ist in jedem Fall allein durch die äußerliche Veränderung des Teilnehmers bereits ein Spannungsbogen gegeben, der den Zuschauer permanent am Abschalten hindern soll: Wann das „Umstyling“ eines „Nerds“ stattfindet, ist für den Zuschauer im Vorhinein nicht ersichtlich. Ein solches können sich die Teilnehmer in Prüfungen erspielen, sodass die Show quasi jederzeit einen überraschenden Höhepunkt bieten könnte.

Eine bedeutende Rolle spielt bei der Scripted-Reality-Show die Storyline: Die Kandidaten werden teilweise mittels verschiedenster Inszenierungsverfahren erniedrigt, um danach als strahlender Sieger wieder auferstehen zu können. Auf diese Weise entsteht durch stimmige Aufbereitung ein Potpourri aus Erniedrigung, Wiederaufbau und heldenhaftem Sieg, welches den Leistungsethos der Gesellschaft in überspitzter Form wiederspiegelt und somit kognitive Anknüpfungspunkte für die Rezipienten bietet.

Der Zuschauer wird in diesen Formaten Zeuge, wie ein Profi einen – mit seinem Leben hadernden – Menschen zu besserem Handeln anleitet. Dabei ist nebensächlich, ob der Zuschauer selbst Kinder, Hunde, Schulden, Gesangstalent oder ein gastronomisches Etablissement besitzt. Er nimmt an der Verwandlung des Kandidaten teil, wobei die Storyline einer coachenden Scripted-Reality-Show häufig an das Modell der Heldenreise nach Joseph Campbell bzw. Christopher Vogler erinnert: Der Held durchläuft hier in seinem Abenteuer die Stadien Gewohnte Welt, Ruf des Abenteuers, Weigerung, Begegnung mit dem Mentor, Über-schreiten der ersten Schwelle, Bewährungsproben, Vordringen zum empfindlichsten Kern, entscheidende Prüfung, Belohnung, Rückweg, Auferstehung und Rückkehr mit dem Elixier. Das gesamte Konzept lässt sich auf die unterschiedlichsten Formate übertragen, wobei die Stadien flexibel angeordnet werden können.

Nach über 30 Jahren Privatfernsehen in Deutschland gestaltet es sich zunehmend schwieriger die Zuschauer mit Reality-Formaten zu begeistern. Ohne Script gelingt dies heutzutage kaum noch. Dabei verlangt der Rezipient, um unterhalten zu werden, nicht zwangsläufig die perfekte Täuschung:

„Seit es Theater gibt, möchte jeder Zuschauer ein bisschen betrogen werden, sich einbilden, er erlebe reale Gefühle. Und deshalb setzt er die eigene Skepsis, den eigenen kritischen Unglauben außer Kraft.“

Norbert Bolz in: Pörksen, 2010.

Die Kandidaten bzw. Laienschauspieler verkörpern Stereotypen, von denen sich der Rezipient entweder gezielt distanzieren oder sich mit ihnen identifizieren kann, wobei Ersteres häufiger der Fall ist, als man zunächst denken mag: Laut RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger übersteigt die Zahl akademischer Zuschauer von Ich bin ein Star, holt mich hier raus! die, aller politischen Sendungen im deutschen Fernsehen (Vgl.: Pörksen, 2010). Für welchen Modus sich der Rezipient letztendlich entscheidet, ist irrelevant. Die Hauptsache ist, dass er seine eigene Lebenswelt im TV ansatzweise wiedererkennt. Um dies zu erreichen sind sehen sich Produzenten häufig gezwungen, gedrehtes Material durch Schnitttechniken nachträglich zu verdichten, und so Handlungen und Situationen leichter verständlich zu machen.

Das erste Aufeinandertreffen

Begleitet von Popmusik, laufen die Kandidaten ein und können die jeweilige andere Gruppe noch nicht sehen, da sie durch einen über zwei Meter hohen Sichtschutz getrennt sind. Eine erste Inkohärenz im Script wird sichtbar, als Kandidat Kevin sich hier von einem anderen Kandidaten hochwerfen lässt, um über den Sichtschutz schauen zu können.
Dass dies nicht gelingen kann, wie die Grafik zeigt, hätte dem überdurchschnittlich intelligenten Informatikexperten im Vorhinein klar sein müssen, was die Vermutung nahelegt, dass diese Szene gescripted ist und Kevin vom Produktionsteam zu dieser Handlung angeleitet wurde.

Grafik: ProSiebenSat.1 Digital GmbH. Christian Dankl (CEO): Beauty & The Nerd. Staffel 1, Folge 1. Abrufbar unter: www.prosieben.de/tv/beauty-and-the-nerd/video/11-ganze-folge-1-ganze-folge

Die erste Verwandlung

Im Format B&TN wird der Rezipient subtil darauf hingewiesen, auf was in der gerade gezeigten Szene zu achten ist. So zum Beispiel als die Kandidaten zur ersten Prüfung aufeinander treffen. Anstatt wie sonst üblich den Damen in glamourösen Abendkleidern den großen Auftritt zu gewähren, stehen hier die „Beauties“ applaudierend Empfang und die Herren laufen zu dramatischer Musik ein. Hier spielt das Adressatenkalkül die entscheidende Rolle: Das vornehmlich weibliche Publikum soll sich auf die Entwicklung der Herren konzentrieren, die hier erstmals eine große optische Veränderung präsentieren: Anstelle von Latzhosen und Socken in den Sandalen tragen sie nun Anzug und Fliege. Die Abendkleider der Damen sind zwar elegant, doch einander, sowie dem bisherigen Stil der „Beauties“ sehr ähnlich und lenken somit die Aufmerksamkeit des Zuschauers zurück zu den Herren.

Grafik: ProSiebenSat.1 Digital GmbH. Christian Dankl (CEO): Beauty & The Nerd. Staffel 1, Folge 1. Abrufbar unter: www.prosieben.de/tv/beauty-and-the-nerd/video/11-ganze-folge-1-ganze-folge

4. Format und Design

„Acht uncoole junge Männer mit eher ungewöhnlichen Interessen, aber ohne jede soziale Kompetenz. Sie bilden Teams mit den heißesten Mädchen. […] Die Beauty und der Nerd, die die größte Veränderung durchmachen, gewinnen am Ende 100.000€. Ein einzigartiges soziales Experiment voller Gegensätze, Emotionen und unerwarteter Überraschungen.“ (O-Ton, B&TN Staffel 1, Folge 1.)

Die Show, deren Originaltitel „The Beauty and the Geek“ lautet, ist ein Lizenz-Format von „Fox 21“ und wurde erstmals 2005 von Ashton Kutcher in Amerika produziert. Das Konzept wurde bereits in über 20 Länder verkauft und erwies sich weltweit als Erfolgs-garant für die Quoten. In Deutschland erschien das Format erst acht Jahre später, was neben der extremen Eindimensionalität der Personae als Grund für die schlechten Quoten gehandelt wird. B&TN wurde von „Shine Germany“ für Pro7 produziert und von Daniel Boschmann moderiert. Südafrika diente für vier Folgen als Setting und wird im Intro als Ort der Kontraste beschrieben. Die Abgelegenheit des Drehorts wird immer wieder in Schnittbildern hervorgehoben, um den experimentellen Charakter des Formats zu unterstreichen. Im Gegensatz zur amerikanischen Version der Show, wird bei B&TN weniger Wert auf eine intellektuelle Weiterentwicklung der Kandidaten gelegt, was anhand der wöchentlichen Prüfung sichtbar wird: Während in Amerika jede Woche ein bestimmtes Themengebiet behandelt wird, auf das sich die Kandidaten gezielt vorbereiten können, zu dem passende Challenges und abschließend ein Quiz absolviert werden müssen, gilt es für die Kandidaten der deutschen Version gänzlich unvorbereitet verschiedene Aufgaben zu absolvieren und am Ende jeder Woche knifflige Fragen zu einem ihnen möglichst fernen Themengebiet zu beantworten. Diese Veränderungen im Sendungskonzept provozie-ren einen noch stärkeren Kontrast zwischen den beiden Gruppen und haben demnach Auswirkungen auf die teilweise demütigende Inszenierung der Teilnehmer.

Dass Scripted-Reality-Formate konflikthaltige Situationen und Herausforderungen besonders medienwirksam und somit häufig zum Nachteil der Kandidaten inszenieren, ist heutzutage gleichermaßen offensichtlich, wie tabuisiert. Weitgehend sind Scripted-Reality-Shows eine Domäne des Privatfernsehens geblieben, da für ihren Erfolg wichtige und für das Genre konstitutive Elemente wie Skandalisierung, Emotionalisierung, Stereotypisierung, Vulgarisierung, sowie die Vermischung von Faktizität und Fiktion offensichtlich nicht mit dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vereinbar sind.
Im Gegensatz zu größer angelegten Shows wie DSDS (~20 Folgen pro Staffel), beschränkt man sich bei B&TN auf die beiden Rollenklischees, die bereits der Name der Show ankündigt: „Beauties“ und „Nerds“. Diese Zweiteilung bildet bei B&TN den roten Faden, der den Rezipienten durch vier Folgen mit acht Paaren geleitet. Bereits das Logo der Sendung verweist auf die zwei gegensätzlichen Lager und betont durch Farbgebung und Schriftarten die Unterschiede. Die Kombination eines At- und eines Et-Zeichens verbindet beide Begriffe, was eine Verschmelzung der digitalen Welt der Informatiker und der konsumorientierten Realität der Damen symbolisieren könnte.

Grafik: ProSiebenSat.1 Digital GmbH. Christian Dankl (CEO): http://www.prosieben.de/tv/beauty-and-the-nerd/video

5. „Beauties“ und „Nerds“ – Wie Stereotype etabliert werden

Konstitutives Element der Show B&TN ist die angestrebte Symbiose zweier gegensätzlicher Stereotype. Die Kandidatengruppen sollen voneinander lernen und sich gegenseitig weiterbilden. Sowohl „Beauties“ als auch „Nerds“ sehen sich selbst als der positiver konnotierte Stereotyp, da sie ihr besonderes Merkmal (Schönheit bzw. Intelligenz) über das der anderen Gruppe stellen. Durch den „Outgroup Homogeneity Effect“ (Vgl. Judd, 1995) gelingt es dem Oratorkollektiv das Selbstbewusstsein der Gruppen „Beauties“ und „Nerds“ getrennt so zu steigern, dass sie sich im Mix-Pärchen quasi automatisch gegenseitig belehren. Denn bei Gruppenbildung werden die eigene Gruppe, sowie deren Mitglieder grundsätzlich positiver eingestuft.

Trotz der Beschränkung auf zwei Stereotype, gelingt es dem Format B&TN eine große Bandbreite an Gegensätzen zwischen der vermeintlich idealen Norm und dem Absonderlichen zu präsentieren. Während der Duden den Begriff „Nerd“ knapp als „sehr intelligenter, aber sozial isolierter Computerfan“ definiert und dabei als eher abwertenden Jargon kategorisiert, liefert das Filmlexikon der Uni Kiel eine detailliertere Begriffsdefinition: „Als Nerd wird eine Person bezeichnet, die sich intensiv mit Computern oder anderen technischen Geräten beschäftigt und die auf diesem Gebiet zu außergewöhnlichen Leis-tungen befähigt ist, deren Sozialkompetenz aber äußerst schwach entwickelt ist und die soziale Kontakte sogar aktiv meidet. […] Die Bezeichnung ist meist abwertend und distanzierend, wird aber von Nerds selbst als Ehrenbezeichnung gesetzt, mittels derer die Exklusivität des Nerd-Seins herausgestellt wird.“ (Institut für NDL und Medien)

Auch die Damen signalisieren durch einheitliche Optik die Gruppenzughörigkeit und sind dementsprechend leicht für den Zuschauer als „Beauties“ zu erkennen. Dass die Bezeichnung „Beauty“ bereits die einzige bewundernswerte Eigenschaft dieser Personae offenbart, erfährt der Zuschauer schnell durch eingeblendete Aussagen, die auf eine eher naive Weltsicht schließen lassen: „Ja, natürlich ist das alles irgendwie interessant. Aber ich lebe auf der Erde und gut ists. Die Sonne scheint, ist alles gut!“ Mit dieser Aussage präsentiert sich diese „Beauty“ als zufrieden mit ihrer wenig komplexen Sicht auf die Welt und als leicht zu begeistern. Die Rolle des „Dummchens“ spielen die meisten Kandidatinnen gekonnt, wobei die konzeptionellen Gegebenheiten des Formats dafür prädestiniert sind: In der „Buchstabensuppe-Challenge“ wird die Unfähigkeit einer „Beauty“ das Wort „Jalousie“ zu schreiben, dramatisch in Szene gesetzt. Derartige Äußerungen und Verhaltensweisen der „Beauties“ unterstreichen die Einfachheit der gezeigten Charaktere und wirken häufig durch ihre Losgelöstheit von jeglichem Kontext (in der nachträglichen Bearbeitung des Drehmaterials durch Schnitttechniken künstlich evoziert) minder intelligent, als die teilweise komplexen Argumentationsketten, die die „Nerds“ in ihren Einzelinterviews liefern: „Ich weiß nicht, ob ich unbedingt gerne James Bond sein möchte. Allein das Risiko da jeden Tag sein Leben zu riskieren…. Ein ungünstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis.“

Kontrastierende Darstellungsweisen

Die strategische Inszenierung der Teilnehmer als Gruppen von Stereotypen, ist in der ersten Folge besonders deutlich zu beobachten: Die erste Vorstellung der Kandidaten erfolgt in Form von Videomaterial aus Einzelinterviews, welches alternierend zum Einzug der Kandidaten in die Villa gezeigt wird. Eingeblendet werden Aussagen der „Nerds“ wie „Mit Physik kann man alles erklären, nur die Frauen nicht.“, „Ich kann innerhalb einer Minute eine Partie beenden beim Schachspielen.“ oder „Meine dritte Fremdsprache nach dem Klingonisch ist jetzt das Elbisch.“

Im Kontrast dazu stehen die Aussagen der Damen in der ersten Vorstellungsrunde: „Also ich mag alles was schön ist. Ich mag Schuhe, ich mag Nagellack…“, „Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich total dumm bin. Aber ich bin jetzt auch kein Brain.“ oder „Meine besonderen Talente sind… [8 Sekunden Pause] …modeln.“ Diese rasche Abfolge kurzer Videosequenzen, die im Wechsel aneinander gereiht wurden, evoziert zwangsläufig eine gewisse Komik. Derartige Flexibilität im Schnitt wird erst durch bestimmte proxemische Gegebenheiten beim Dreh ermöglicht: Die Teilnehmer werden einzeln vor einem Green-Screen interviewt, sodass ihre Aussagen jegliche Gebundenheit an Ort und Zeit verlieren. Einzig die Kleidung der Teilnehmer lässt vage Schlüsse über den Zeitpunkt ihrer Aussagen zu, was aber ebenfalls von Seiten des Produktionsteams resp. des Oratorkollektivs manipuliert sein könnte.

Die Vorstellung der Teilnehmenden

Zu Beginn der ersten Folge fahren die „Nerds“ in einer Badewanne auf Rollen, Klapprädern und einem Tretrollern vor, während die „Beauties“ in Sportwägen und auf Motorrädern zur Villa gelangen, die natürlich von Männern gesteuert werden. Die Damen steigen aus und posieren neben ihren Fahrzeugen. Für ca. zwei Sekunden friert das bewegte Bild zum Standbild ein und Name sowie Beruf des Kandidaten werden eingeblendet.

Auf diese Weise entstehen bei den Damen zwangsläufig schmeichelhaftere Standbilder als bei den Herren, die noch mit dem Aussteigen aus ihren Fahrzeugen beschäftigt sind, was direkt das Image der Damen als fotogen, schön und begehrenswert stützt, sowie das der Herren als medienunerfahren und unattraktiv.

Grafik: ProSiebenSat.1 Digital GmbH. Christian Dankl (CEO): Beauty & The Nerd. Staffel 1, Folge 1. Abrufbar unter: http://www.prosieben.de/tv/beauty-and-the-nerd/video/11-ganze-folge-1-ganze-folge

Auch der Text des Moderators Daniel Boschmann ist auf das Ziel feste Stereotype zu etablieren ausgerichtet: „Was noch sehr wichtig ist bei dieser Challenge: Ihr dürft euch nicht unterhalten. Martin, auch nicht auf elbisch oder klingonisch!“ Martins Partnerin beherrscht keine dieser fiktionalen Sprachen, was den Hinweis des Moderators offen-sichtlich obsolet macht. Somit dient die Aussage Boschmanns hier allein der Emphase und Repetitio der Tatsache, dass Martin exotische Sprachen spricht, die ihn als „Nerd“ charakterisieren.

Mit viel Wohlwollen kann dem Format das telos unterstellt werden, beim Zuschauer ein Problembewusstsein erzeugen zu wollen und ihm die Möglichkeit zu bieten, sich einordnen und vergleichen zu können. Zudem ist festzuhalten, dass beide Gruppenbezeichnungen grundsätzlich positiv interpretierbar sind, was für das Image der Sendung entscheidend ist.

6. Kognitive Entlastung und andere Erwartungen

Umso mehr Klischees eine Sendung bedient, desto besser ihre Quote? Die Produzenten von Deutschland sucht den Superstar setzen seit 15 Jahren recht erfolgreich auf eine gut abgestimmte Figurenkonstellation und die ganze Bandbreite an Stereotypen: Die Zicke, der Streber, die Naive, der Underdog, der Sensible, die Peinliche und das verkannte Genie sind beinahe in jeder Staffel vertreten und begeistern das Publikum.

Um eine größere Menge von Informationen aus der Umwelt verarbeiten zu können, ist der Mensch gezwungen, diese zu kategorisieren. Dieser Prozess reduziert die Komplexität der Informationen, wodurch die kognitive Entlastung entsteht. Im Gegensatz zu Vorurteilen, sind Stereotype nicht zwangsläufig negativ und besitzen eine kognitive Struktur. Aus sozial kognitiver Sicht werden Stereotype als „energy saving devices“ (Vgl. Fiske, 1991) betrachtet, die dazu dienen, Informationen nach dem Top-Down-Prinzip zu verarbeiten. Zusätzlich ermöglicht die Einordnung einer Information in eine bestimmte Kategorie erst ein Schlussfolgern bezüglich weiterer Eigenschaften und Informationen über das betroffene Objekt resp. Thema. Das heutige Fernsehprogramm zeigt meist einfache Personae und bedient somit Sehgewohnheiten. Diese holzschnittartige Darstellungsweise erspart es dem Rezipienten sich mit einer komplexen Dramaturgie auseinanderzusetzen und verspricht leicht bekömmliche Unterhaltung.

Geschlechtsspezifische Stereotype

Stereotype bezeichnen allgemeine Annahmen über relevante Eigenschaften einer Personengruppe und werden als kognitive Wissensbestände im Laufe der Sozialisation eines Individuums sukzessiv erworben. Während Stereotype lediglich als beschreibende Wahrscheinlichkeitsannahmen auftreten, beinhalten Geschlechterrollen nicht nur die Beschreibung, sondern auch normative Erwartungen bestimmter Eigenschaften und Handlungsweisen. Im Gegensatz zu erwerbbaren Rollen, ist die Geschlechterrolle immer zugeschrieben, tritt allerdings kontextabhängig in unterschiedlicher Intensität hervor. Die Wissenschaft mutmaßt, dass der Erwerb von Geschlechterstereotypen bis zum zehnten Lebensjahr weitestgehend abgeschlossen ist (Vgl. Trautner). Bereits zu diesem Zeitpunkt nennen Kinder „schwach, anerkennend, weichherzig, affektiert, sanft, emotional, herzlich“ als typisch weibliche Eigenschaften, während Männer als „stark, aggressiv, grausam, unordentlich, laut, angeberisch und unternehmungslustig“ gelten (Williams und Best, 1990).

Das Geschlecht eines Menschen beeinflusst ihn in seiner biologischen, sexuellen und psychosozialen Entwicklung. Dies wird besonders deutlich, tritt eine Person häufiger als Mitglied einer sozialen Kategorie auf, anstatt mit ihren individuellen Fähigkeiten Subjekt oder Objekt von Wahrnehmung und Handeln zu werden. Diese Mitgliedschaft führt letztlich dazu, dass bestimmte Erwartungen aktiviert werden, die als Stereotype im Sinne von Wahrscheinlichkeitsannahmen funktionieren und einen normativen Charakter annehmen können. Kognitiv werden Stereotype in Form kategorisierender Cluster verarbeitet und dienen der Reduktion von Komplexität. Zusätzlich besitzen sie eine motivationale Funktion: Stereotype können bestehende gesellschaftliche Rang- und Wertordnungen determinieren und perpetuieren, sowie die eigene Gruppe durch Aufwertung schützen. Dies geschieht dadurch, dass bestimmte Kategorien relevant werden und andere nicht.

An die 16 „Beauties“ und „Nerds“ werden im Format Erwartungen gerichtet, die normativen Charakter tragen. Die an männliche Personen gerichteten Erwartungen entsprechen der instrumentellen Rolle, die an Frauen der expressiven (kommunalen) Rolle. Eine Auflistung sozial erwünschter Pole von maskulinen Eigenschaften nach Born zeigt, dass die im Format vorgestellten Herren bereits durchaus Ansätze zeigen, die sie als attraktiven Mann definieren: „Mag Mathematik und Naturwissenschaften sehr, denkt sehr logisch, kann Sachverhalte sehr gut analysieren, große Begabung für technische Dinge“. Gefördert werden in der Sendung andere, nach Born wünschenswerte Eigenschaften eines Mannes: „sehr starke Persönlichkeit, sehr aktiv, überhaupt nicht ängstlich, hat Führungseigenschaften“, beispielsweise bei der „James-Bond-Challenge“. Der soziale Kontext, in welchem Stereotype inszeniert werden, spielt eine entscheidende Rolle und macht das Stilmittel der Kontrastierung nachvollziehbar: Die hier gezeigten „Nerds“ würden im Arbeitsumfeld der Informatikfakultät sicher weniger auffallen, als im direkten Vergleich zu einer Gruppe attraktiver Damen.

Die Buchstaben-Challenge

Spielaufbau: Die Kandidaten stehen vor einer Art großem Planschbecken, in welchem Schaumstoffbuchstaben schwimmen. Die „Beauties“ tragen Bikinis und müssen im Folgenden aus den Buchstaben (Vokale schwimmen am Grund des Beckens, Konsonanten an der Wasseroberfläche) vom Moderator vorgegebene Wörter zusammensetzen.

Die „Nerds“ tragen ihre übliche Kluft und stehen am Beckenrand. Sie dürfen ihren Partnerinnen nicht helfen und dienen lediglich dazu, Stimmung zu machen und diese durch ihre Reaktionen für den Zuschauer erlebbar zu machen.

Martina: „Ich mag gerne baden, aber Wasser und Schminke und Haare, das passt überhaupt nicht zusammen.“
Boschmann: „Wundert euch nicht, es soll ein bisschen einfacher sein, die Buchstaben liegen in dem Becken als Versalien. […] Nein, Camilla, nicht Fressalien, sondern Versalien. Das sind Großbuchstaben. Oben schwimmen die Konsonanten.“
Kamilla: „Ich kaufe einen Vokal: K!“
Boschmann: „Kimberly, Konsonanten! Nenn‘ mal so drei!“
Kimberly: „Konsonanten? Ja so A, E, I.“
Gelächter der „Nerds“.
Boschmann: „A, E, I ist eher so exakt das andere und das findest du ein bisschen weiter un-ten im Becken. Vokale sind so A, E, I, O, U. Die schwimmen du am Grund des Beckens.“
Einzelinterview mit Kimberly wird eingeblendet: „Vokale sind glaub ich Ä, Ü, Ö.“ […]

Grafik: ProSiebenSat.1 Digital GmbH. Christian Dankl (CEO): Beauty & The Nerd. Staffel 1, Folge 1. Abrufbar unter: http://www.prosieben.de/tv/beauty-and-the-nerd/video/11-ganze-folge-1-ganze-folge

Boschmann: „Das Wort für Runde Nummer Zwei ist: Jalousie. Auf die Plätze, fertig, los!“
Frank: „Entweder schreibt man Schrank mit SCH, man schreibt Schublade mit SCH, man schreibt Schreibtisch mit SCH, aber doch nicht Jalousie!“
Kevin: „Ja also die Jaqueline meinte, dass sie deutsch sprechen kann, aber Jalousie wird halt nicht mit Y geschrieben.“
Jaqueline: „Das ist halt ein Wort, was ich nicht brauche. Ich hab Rollos in meiner Wohnung!“
Kimberly: „Nein!“
Boschmann: „Doch, ich glaube schon, da war eben SCH am Anfang!“
Kimberly: „Nein! Ich weiß das nicht, weil ich das noch nie geschrieben hab und auch noch nie gesehen hab, wie man das schreibt. Ich guck mir ja keine Wohnkatalogs an.“

Frank im Einzelinterview: „Da ist sie so für mich wieder ins typische Blond-Näpfchen gefallen, würde ich fast sagen.“

7. Script, Macht und Demütigung

Nach Mari Matsuda ist Sprechen resp. Sprechhandeln ein Vehikel zur (Wieder-)Herstellung gesellschaftlicher Strukturen und spiegelt in den meisten Fällen ein gewisses soziales Herrschaftsverhältnis wieder. Eine Demütigung ist demnach in der Darstellung selbst die Ausführung einer Verletzung, wobei Verletzung als gesellschaftliche Unterordnung der entsprechenden Bevölkerungsgruppe zu verstehen ist. Jedoch gelingt es B&TN den Voyeurismus des Zuschauers in gewissen Teilen zu befriedigen, ohne bestimmte Grenzen zu überschreiten: Das Recht der Kandidaten auf persönliche Ehre wird im Format nicht verletzt, da es sich bei den Bezeichnungen „Nerd“ und „Beauty“ um keine zählbaren Gruppen von Menschen handelt. Vielmehr stehen die 16 Teilnehmer stellvertretend für sämtliche Angehörigen dieser Gruppen, besitzen also eine Art „Pars Pro Toto“-Funktion (lat.: Teil für das Ganze). Auch Hassrede tritt im Format lediglich in homöopathischen Dosen und implizit auf: Individuen werden auf (negative) Eigenschaften reduziert, die einer Gruppe zugeschrieben werden (die Dummheit der „Beauties“, die soziale Inkompetenz der „Nerds“), wodurch sie generisch resp. austauschbar werden. In der Folge wird ihnen wiederum eine gruppeninterne Gleichwertigkeit unterstellt. Somit opfern die Teilnehmer ihre Persönlichkeit als Leinwand, auf der von den Produzenten überspitzte Versionen der Kandidaten selbst entworfen werden. Das Gewissen des Zuschauers wird durch die Tatsache beruhigt, dass das explizite Hervorheben eines positiven Charakterzuges (die Schönheit der „Beauties“, die Intelligenz der „Nerds“) die Demütigung der Kandidaten relativiert. Dass bei dieser Karikierung dennoch meist negativ konnotierte Charaktermerkmale in den Mittelpunkt gerückt werden, dürfte den Kandidaten bereits vor der TV-Ausstrahlung klar sein. Somit entsteht ein komplexes Bild einer freiwilligen, öffentlichen, aber gesellschaftlich tolerierten Demütigung, die mit kurzzeitigem Ruhm und einer meist mageren Gage vergütet wird.

#VeraFake

Wie weit TV-Produzenten beim „Feilen der Rohdiamanten“ tatsächlich gehen, wird am Beispiel des Schwiegertochter-gesucht-Skandals von 2016 deutlich, der unter dem Hashtag VeraFake bekannt wurde: Hier gelang es Investigativjournalist Jan Böhmermann im Rahmen seiner Sendung Neo Magazin Royale einen Schauspieler als Kandidaten in die Sendung zu schleusen, bei dem sich tatsächlich über 1000 „Schwiegertöchter“ meldeten. Daran frappierend: Der Schauspieler verkörperte bereits eine auffällige Charakterzeichnung als einsamer Eisenbahnfreund, welche ihm von den Redakteuren des Neo Magazin Royale verliehen wurde. Diese wurde anschließend von den Produzenten von Schwiegertochter gesucht noch weiter überspitzt: Der 21-jährige Robin wurde ihnen als Schildkrötensammler vorgestellt, woraufhin das Kamerateam unzählige Deko-Schildkröten zum Dreh mitbrachte, diese in der Wohnung des Kandidaten verteilte und ihn aufforderte die Worte Manchmal gehe ich gern in den Zoo und schaue mir die echten Schildkröten an.“, in die Kamera zu sagen.

Eben diese inszenierte Authentizität, welche zwangsläufig in gewissen Bereichen die Erniedrigung des Teilnehmers mit sich bringt, hat sich bei einigen privaten Sendern als äußerst gewinnbringend herausgestellt: „Ungeniert bewerten zu können ist [für den Zuschauer] ja viel reizvoller, als bei politischen Talkshows mit der eigenen Inkompetenz konfrontiert zu werden.“ (Norbert Bolz in: Pörsken, 2010). Das legt die Vermutung nahe, dass die coachende Scripted-Reality-Show in erster Linie auf ein Publikum abzielt, das Zerstreuung sucht. Tom Sänger bezeichnet das deutsche Privatfernsehen als „Lagerfeuerfernsehen“, vor dem sich abends die ganze Familie versammelt, um sich am Wechselspiel von Vergleich, Exhibitionismus und Voyeurismus zu erfreuen (Vgl. Tom Sänger in: Pörksen, 2010).

Der Rezipient wird also bestenfalls gleichzeitig unterhalten, informiert, kann sich berieseln lassen, amüsieren oder aufregen. Zu diesem Zweck werden Identifikationsvorlagen und Vorbilder gezeigt, aber eben auch Zerrbilder von Stereotypen. Der Zuschauer träumt, wärmt brodelnde Abneigung gegen bestimmte Klischees auf und kann sich zugleich den Kandidaten gegenüber überlegen fühlen. Entscheidet sich der Zuschauer für diese immersive Art der Rezeption, kann eine Bindung zu den Personae und dem Format entstehen.
Geht ein Zuschauer hingegen davon aus, dass ein Kandidat sehr wohl wusste, was bei der TV-Produktion auf ihn zukommt und durchschaut, dass durch manipulative Inszenierungsverfahren seine Aufmerksamkeit gewonnen werden soll, so kann dies Schadenfreude und Häme evozieren. Die Teilnehmer von Scripted-Reality-Shows begeben sich mit Unterschreiben des Vertrags in die Obhut der Produzenten. Welche Rolle dabei Macht und Zwang spielen, wird anhand einer Aussage der Germanys-Next-Topmodel-Teilnehmerin Fiona Erdmann deutlich:
„Ich wurde von der Jury gefragt, welche Mädchen lieber nach Hause fahren würden. Mit dem Versprechen der Jury, sie würden nichts den Mädchen erzählen, hab ich ihnen die Namen genannt. Kaum hatte ich den Raum verlassen, kam der Aufnahmeleiter auf mich zu und stellte mich vor die Wahl: Entweder ich könne den Mädchen selbst sagen, was ich der Jury gerade erzählt hatte, oder sie würden es tun.“ (Pörksen, 2010)
So gab auch Pro7 nach der Ausstrahlung von B&TN bekannt, die „Nerds“ hätten ihre Outfits selbst gewählt. Später ergänzte die Pressestelle, die Herren hätten ihre Klamotten selbst aus einem Fundus des Senders auswählen dürfen. Dass dieser Fundus vermutlich ausschließlich aus Sandalen, Kniestrümpfen und karierten Pullundern aus längst vergan-genen Zeiten bestand, wurde verschwiegen. Somit übt das Oratorkollektiv auf Basis des Teilnehmervertrags implizit Macht aus, ohne die Kandidaten explizit zu bestimmten Handlungen zu zwingen.

Die James-Bond-Challenge

Eine Analyse des Formats B&TN von Walulis sieht fern zeigt: Obwohl es die Produzenten anfänglich abstritten, wurde der Verlauf der Sendung beim Dreh gezielt beeinflusst. So erhielten beispielsweise einzelne Kandidaten andere Spielaufbauten für die Prüfungen: In der James-Bond-Challenge gilt es für die „Nerds“ eine Tür einzutreten, um ihre Männ-lichkeit unter Beweis zu stellen. Wie in Abbildung X zu sehen ist, ist die Tür bei Martin normal verschlossen, während bei Frank ein zusätzlicher Balken die Tür verriegelt hält. Wie zu erwarten, scheitert Frank unter dem Gelächter seiner Konkurrenten nicht, das extra verstärkte Schloss aufzutreten. Diese Veränderung am Spielaufbau ist für den Zu-schauer kaum sichtbar und stützt demzufolge die implizite Erniedrigung der Kandidaten durch manipulative Verfahren.

Grafik: ARD-Kanal YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=lKRt1KGZxFA und ProSiebenSat.1 Digital GmbH. Christian Dankl (CEO): Beauty & The Nerd. Staffel 1, Folge 1. Abrufbar unter: http://www.prosieben.de/tv/beauty-and-the-nerd/video/11-ganze-folge-1-ganze-folge

Kritik als Form der Unterhaltung

Konstruktive Kritik kann anhand bestimmter Maßstäbe geäußert werden, was besonders in Musik-Casting-Shows der gängigen Norm entspricht. In den meisten Formaten wird zu diesem Zweck ein Experte eingesetzt. Die „Helfer mit Herz“-Rolle, welche der ver-sierte TV-Zuschauer beispielsweise von Christian Rach und Katharina Saalfrank kennt, wird bei B&TN von Modeunternehmer Thomas Rath ausgefüllt, der in seiner Funktion als „Style-Coach“ die optischen Veränderungen der „Nerds“ vornimmt.

Mehr Nähe zum Zuschauer evoziert hingegen eine eher subjektive Anwendung der Maßstäbe, welche zugleich den Kritiker weniger seriös erscheinen lässt. Dafür gewinnt die Äußerung durch Subjektivität an Brisanz für den Zuschauer. So beispielsweise, wenn die „Nerds“ von den Damen vor dem sog. „Umstyling“ aufgrund körperlicher Dispositionen kritisiert werden. Die Kritikerinnen sehen sich auf diesem Gebiet selbst als Expertinnen, wodurch sie sich erhaben genug fühlen, um ihr Gegenüber auf Missstände hinzuweisen. Wie bereits erwähnt, wird diese gruppeninterne Selbsterhöhung ebenfalls von den Produzenten einkalkuliert. Die Kritik der „Beauties“ beruht im Format selten auf objektiven Maßstäben, da es vorrangig um äußerliche Veränderungen geht:
„Swen kam mir schon so lustig vor, weil er schon so angedackelt kam, ein Auge hier, ein Auge da. Und er hat mich auch so angeschielt. […] Ich würde ihm erstmal schöne Highlights in die Haare machen, ein bisschen dunkleren Teint, weil der ist ja echt weißer als Kreide, die Haare kürzer schneiden, ein bisschen chiquer, dass das nicht so komisch stumpf aussieht, dann würde ich ihm seine Augenbrauen zupfen und Kontaktlinsen kaufen.“

Die „Beauty“ beschreibt ihren Partner in diesem Einzelinterview als schielend, seine Haut als weißer wie Kreide und sein Haar als stumpf. Obwohl diese Kritiken der „Beauties“ wenig stringent und selten durchdacht wirken, sind sie doch lösungsorientiert und teilweise konstruktiv: Es werden konkrete Lösungsvorschläge präsentiert, sodass als telos dieser Aussage die Verbesserung des Status quo genannt werden kann und der Service-Gedanke des Formats greift.

6. Fazit

Seit der Ausstrahlung von Big Brother ist eines bekannt: Scripted-Reality-Formate können den Teilnehmern als Sprungbrett in die Welt der Prominenten dienen. So nutzte auch B&TN-Kandidatin Siw Torvund 2014 ihre neu gewonnene Bekanntheit, um in der Pro7-Produktion Wannabe Princess um eine Adoption von Prinz Frédéric von Anhalt zu wett-eifern. Dass Menschen erneut bei einem Scripted-Reality-Format mitwirken möchten, nachdem sie bereits einmal erfahren haben, wie es sich anfühlt, in eine Stereotypenrolle gepresst zu werden, macht deutlich: Zwar erfahren die Kandidaten Demütigung durch den impliziten Zwang, Rollenklischees zu erfüllen und Stereotypen zu verkörpern, doch scheint es sich dennoch für sie zu lohnen. Vergütet werden sie mit Geld, doch spielt die Währung „Aufmerksamkeit“ meist die wesentlich größere Rolle: Die Teilnehmer können für die kurze Zeit der TV-Ausstrahlung das Scheinwerferlicht genießen, der Anonymität entfliehen und die vermeintlich kostbare Bewunderung tausender TV-Zuschauer auf sich ziehen. Dafür nehmen die Kandidaten es hin, von Redakteuren zum Abziehbild ihrer selbst gemacht zu werden.
Die im Format B&TN angewendeten Inszenierungsverfahren weisen strukturelle Analogien zu den Vorgehensweisen der Epideiktik auf, deren Zweck in der Festigung von Nor-men und Werten in der Gesellschaft liegt. Die zur Inszenierung von Stereotypen angewandten Verfahren können das Seherlebnis resp. den Rezeptionsmodus beeinflussen und sind dementsprechend als strategisch einsetzbar und telosdienlich einzuordnen. Zudem vereinfachen die plakativen Charakterisierungen der Kandidaten die Rezeption der Sendung enorm, haben aber zugleich teilweise erniedrigende Wirkung, da sie die Teilnehmer als austauschbare Vertreter einer Bevölkerungsgruppe darstellen. Während beim direkten Kontakt resp. persönlicher Involviertheit die Anwendung von demütigenden Verfahren von den Gesprächs- bzw. Interaktionsteilnehmern meist als unangenehm empfunden wird, erfreut sich der Fernsehzuschauer bei der dimissiven Rezeption daran: Man lacht gern über den hageren Mann mit Brille und „Superman“-Shirt, der zu schwach ist, um eine Tür einzutreten, oder das blonde Dummchen, das denkt man schreibe Jalousie mit „Sch“.
Dieses Prinzip der expliziten Abgrenzung zweier kontrastierender Stereotype funktioniert auch heute noch, wie das Format Bauer sucht Frau beweist, welches aktuell in der 13. Staffel ausgestrahlt wird. Jedoch steht hier die Authentizität der Bauern im Vordergrund, sodass auf ein Coaching bzw. eine formatinterne Entwicklung der Charaktere verzichtet wird.

Schließlich bleibt die Frage, ob ein Format wie Nerd sucht Frau denkbar wäre, bei dem gezielt Damen gesucht werden, die sich ein Leben an der Seite eines „Nerds“ vorstellen können, oder ob ein Format namens Beauties & Bauern funktionieren könnte, bei welchem die Landwirte von glamourösen Damen umgestylt werden.

Deutschlands Privatsender halten gewiss noch einige Überraschungen für uns bereit.

Autorin

Carina D. Bukenberger

Medienrhetorik & Corporate Publishing

C.Bukenberger@LEONARTO.de

Persönlicher Literatur-Tipp:

Quellen und Literaturempfehlungen

Alfermann, Dorothee: Geschlechterrollen und geschlechtstypisches Verhalten. Stuttgart, 1996.

Born, Petra: Geschlechtsrolle und diagnostisches Urteil. Opladen, 1992.
Budde, Jürgen: Die Geschlechterkonstruktion in der Moderne. In: Luca, Renate (Hg.): Medien. Sozialisation. Geschlecht. Fallstudien aus der sozialwissenschaftlichen Forschungspraxis. München, 2003.

Fiske, T. Susan; Taylor, Shelley E.: Social Cognition. McGraw-Hill, 1991.

Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit, Bd. 1: Der Wille zum Wissen. Frankfurt a.M., 1983.

Gherairi, Jasmina: Persuasion durch Protest. Protest als Form erfolgsorientierter, strategischer Kommunikation. Wiesbaden, 2005.

Horton, D. / Wohl, R.: Mass Communication and Para Social Interaction. Observation on Intimacy at a Distance. In Psychiatry 19, 1956.

Judd, Charles M. et al: Stereotypes and Ethnocentrism. Journal of Personality and Social Psychology, 1995. Vol. 69. No. 3.

Knape, Joachim; Ulrich, Anne: Medienrhetorik des Fernsehens. Begriffe und Konzepte. Bielefeld, 2015.

Knape, Joachim: Inversive Persuasion. In: Ramona Früh et al: Irritationen. Rhetorische und poetische Verfahren der Verunsicherung. Berlin, München, Boston, 2015.

Knape, Joachim: Gewalt, Sprache und Rhetorik. In: Julia Dietrich et al: Ethik und Ästhetik der Gewalt. Paderborn, 2006.

Luhmann, Niklas: Macht. Stuttgart, 1975.

Pörksen, Bernhard; Kirschke, Wolfgang: Die Casting-Gesellschaft. Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien. Köln, 2010.

Tajfel, Henri: Cognitive aspects of prejudice. Journal of Social Issues, Volume 25, Issue 4.

Trautner, Hanns-Martin: Entwicklung von Konzepten und Einstellungen zur Geschlechterdifferenzierung. Bildung und Erziehung, Volume 45.

Vogler, Christopher: Die Odyssee des Drehbuchschreibers. Über die mythologischen Grundmuster des amerikanischen Erfolgskinos. Frankfurt a.M., 1998.

Williams, John E.; Best, Deborah L.: Measuring sex stereotypes. A multination study. Beverly Hills, 1990.

 

Online-Quellen:

Bibliographisches Institut GmbH. Olaf Carstens (CEO): http://www.duden.de/rechtschreibung/Nerd. Zu-letzt: 31.03.17.

Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien. Prof. Dr. Hans Jürgen Wulff (CEO): http://filmlexi-kon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=4503. Zuletzt: 31.03.17.

OK! Verlag GmbH & Co. KG. Inhaltlich Verantwortlicher: Oliver Opitz: http://www.ok-magazin.de/en-tertainment/tv/16177/beauty-und-the-nerd-bei-pia-und-michael-hats-gefunkt. Zuletzt: 31.03.17.

ProSiebenSat.1 Digital GmbH. Christian Dankl (CEO): http://www.prosieben.de/tv/beauty-and-the-nerd/video/11-ganze-folge-1-ganze-folge.

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