Tropen und Figuren der Rhetorik

Über die sprachliche Kristallisation lebendiger Gefühlszustände

Mai 6, 2019

Written by Carina D. Bukenberger

Germanistin und Rhetorikerin (M.A.)
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Aus Gründen einer verbesserten Lesbarkeit wird in diesem Artikel das generische Maskulinum verwendet. Dies beinhaltet keinerlei Wertung und schließt sämtliche Geschlechteridentitäten mit ein.

„Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt.“

Goethe, Maximen und Reflexionen

1. Vorwort

N ach wie vor sind viele Rhetoriker der Meinung, die eigentliche Macht der Rhetorik beruhe auf sprachlichen Figuren und Tropen, die kunstvoll in Reden und Texte eingewoben werden. Entsprechend detailverliebt wurden über Jahrhunderte hinweg endlos erscheinende Listen angefertigt: Rhetorik-Bücher klassifizieren sprachliche Kunstmittel, identifizieren und benennen sprachliche Muster, evaluieren ihre Funktionen und bieten Richtlinien für deren korrekten Gebrauch. Einigen Historikern zufolge sei diese Erläuterung der Figuren aber nur „wenig erhellend“ und es werde „viel Mühe darauf vergeudet, verwirrende neue Terminologien“ in ein ohnehin „ödes und ertragsloses“ System einzufügen (Clarke, 1953). Doch hatten die Autoren der Antike und Renaissance trotz aller Angriffsversuche ein klares Bild aller Funktionen, die Figuren und Tropen übernehmen: Sie sind das letzte und häufig entscheidende Glied im Überzeugungsprozess. Doch schon Quintilian stellte irritiert fest: „Allen diesen Erscheinungen haben die Lehrbuch-Verfasser eigene Namen gegeben, jedoch verschiedenartige, und so, wie es jedem in der Erfinderlaune behagte.“ (Quint. 9.3.54) Und so ist es häufig eine reine Frage der Interpretation, ob es sich nun beispielsweise um eine Synekdoche oder um eine Metonymie handelt.

Die Festlegung der Figuren und Tropen geschah mimetisch: Sie entstand aus dem Versuch, Gefühlszustände sprachlich nachzuahmen und die daraus entwachsenden Sprachformen zu klassifizieren. Entsprechend verweist die Figurenlehre auf den eigentlichen Ausgangspunkt der Persuasion: Rhetorik ist die Systematisierung natürlicher Beredsamkeit.

Doch zurück zum Anfang: Was sind Tropen, was sind Figuren und wo genau liegt der Unterschied?

2. Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Tropen und Figuren

Figuren

Die Figur bezeichnet in der Rhetorik „bestimmte sprachliche, jedoch nicht grammatisch motivierte Gestaltphänomene der Oberflächen- oder Tiefenstruktur von Texten.“ (Knape, 1996) Der engere Figurenbegriff bezieht sich nach Quintilian auf Wort- und Ausdrucksfiguren (figurae lexeos) und Sinn- oder Inhaltsfiguren (figurae dianoias), die die Struktur einer Wortfolge betreffen.

Figuren verändern die Erscheinungsform einer Äußerung in einem Maße, das über die minimalen Anforderungen hinausgeht. Theophrast, Cicero und Quintilian nutzen die Begriffe ‚figurae‚ und ‚schemata‚ häufig synonym.  

Quintilian bezeichnete Figuren als polysemisch resp. ‚polypathetisch‘, da sie in der Lage seien ganz unterschiedliche Gefühlsbewegungen hervorzurufen. Er unterscheidet weiter in

Gedankenfiguren: Allgemeine taktische Mittel wie Verschleierung, Apostrophe und rhetorische Frage. Dieser Gruppe schreibt Quintilian eine größere Wirkung zu, da sie unbemerkt in eine Rede eingewoben werden können und so den direkten Weg zu den Herzen der Richter fänden. 

Redefiguren: Diese Gruppierung wird weiter unterschieden in Wiederholungsfiguren, Wortspiele, Figuren des Ähnlichen oder des Gegensatzes, sowie Figuren, die auf einer Variation der Wortstellung beruhen. 

Tropen

Der Tropus (auch ‚die Trope‘) wird als uneigentliche Form der Rede bezeichnet und beruht auf dem Austausch (immutatio) von eigentlichen Wörtern (verba propria) durch uneigentliche (verba impropria). Wie die Figuren, die aus eigentlichen Wörtern gebildet werden, sind auch die Tropen dem Redeschmuck (ornatus) zuzuordnen.

Tropen sind auf der Bedeutungsebene anzusiedeln und können aufgrund von Similarität (z.B. Metapher, Allegorie, metaphorische Periphrase), Kontiguität (z.B. Metonymie, Synekdoche, Anotomasie) und Kontrarietät (z.B. Ironie, Litotes) zustande kommen. Entsprechend können Tropen hilfreich sein, wenn das Lexikon für eine Sache tatsächlich kein eigentliches Wort vorsieht.

Tropen verändern die Bedeutung von Wörtern durch Übertragung, Vertauschung oder Verschiebung, beruhen also auf einer Abweichung von der normalsprachlichen Lexik. Deshalb sollten sie sparsam oder in Kombination mit Milderungsformen (ut ita dicam ~ ’sozusagen‘) eingesetzt werden.

Nach Aristoteles helfen Tropen, insbesondere die Metapher, auf einfache Weise zu Wissen zu gelangen: Sie sollen Sachverhalte vor Augen führen und Unbeseeltes zu beseeltem machen. Im Vergleich zu den Figuren wurde Tropen jedoch eine deutlich geringere Macht über Gefühle eingeräumt, sodass einzig die Metapher fähig sei, emotionale Intensität zu erzeugen. 

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3. Tropen und Figuren bei Aristoteles

A ristoteles betonte seit jeher die Notwendigkeit angemessener Ausdrucksweisen, die „Affekt und Charakter“ in richtige Maße zu kommunizieren. Er merkte an, dass sich die Glaubwürdigkeit einer Rede oder eines Textes durch den Gebrauch von verba propria (den eigentlichen Bezeichnungen für gewisse Dinge im jeweils üblichen Sprachgebrauch) erhöhe. Ob also etwas glaubhaft und korrekt ist, beurteilt der/die Rezipient/in danach, ob der/die Redner/in bestimmte Gefühle korrekt zum Ausdruck gebracht hat. Dabei greift der/die Adressat/in auf einen Vergleich mit seinen/ihren eigenen Gefühlen in einer bestimmten Situation zurück. Adressierte sind also eher dazu geneigt fremde Gefühle und anzuerkennen und zu übernehmen, wenn sprachliche Ausdrücke genutzt werden, die von den Adressierten selbst mit den entsprechenden Gefühlen verbunden werden.

Trotz zahlreicher abschätziger Bemerkungen über die Rhetorik als Regelwerk, schlägt Aristoteles selbst eine Zuordnung gewisser Figuren zu bestimmten Altersgruppen und Lebensweisen vor. Schließlich gilt es für den/die Redner/in durch seine Formulierungsweisen lebensweltliche Anknüpfungspunkte zu bieten, die es den Rezipierenden ermöglichen, die Gefühle anderer korrekt einzuschätzen: „Am überzeugendsten sind bei gleicher Begabung diejenigen, die sich in Leidenschaft versetzt haben, und der selbst Erregte stellt Erregung, der selbst Zürnende Zorn am wahrheitsgetreusten dar.“ (Aristoteles, Poetik 1455a 29-33)

Rhetorische Mittel und Redefiguren sind keine Manipulation von Sprache, sondern viel mehr Ausdrucksweisen des Gefühls, deren Angemessenheit rein vom Eindruck auf die Rezipierenden abhängt, nicht etwa von formalen stilistischen Kriterien.

Beispiel:

Demosthenes Originalaussage:

„Ich blieb nicht bei diesen bloßen Worten stehen, sondern auch den Antrag stellte ich; noch mehr: Ich übernahm auch die Gesandtschaft und nicht nur das: Ich brachte auch die Thebaner auf meine Seite.“

Demetrios‘ Umformulierung:

„Nachdem ich gesprochen und den Antrag gestellt hatte, wurde ich Gesandter und überredete die Thebaner.“

4. Griechische und lateinische Traditionen

I n der griechischen Rhetorik setzte sich schließlich die Tradition fort, sprachliche Figuren mit bestimmten Gemütszuständen zu verknüpfen. Man ging sogar davon aus, dass Abweichungen vom normalen Sprachgebrauch auf eine Persönlichkeitsstörung hindeuteten, da sprachliche Figuren als unmittelbare Mimesis des menschlichen Gemütszustandes wahrgenommen wurden. Und auch heute noch ist man sich sicher: „Sprache bringt das Innere des Menschen zum Vorschein, vor allem, wenn er sich im Griff der Gefühle befindet.“ (Vickers, 2008)

Auch in der lateinischen Rhetoriktradition wurden Tropen und Figuren für ihre expressive Funktion geschätzt. Doch war man sich hier bereits sicher, dass auch Nicht-Rhetoriker diese sprachlichen Mittel häufig unbewusst einsetzten. Quintilian nennt die Hyperbel (lat. superlatio; Übertreibung zur stärkeren Betonung oder Anschaulichkeit) als Beispiel:

„[Die Hyperbel ist] allgemein verbreitet auch unter Ungebildeten und Bauern – verständlich genug, denn von Natur liegt in allen Menschen das Verlangen, die Dinge zu vergrößern oder zu verkleinern, und niemand gibt sich mit dem zufrieden, wie es wirklich ist.“ (Quint. 8.6.75)

Figuren und Tropen sind also nur dann tatsächlich von Nutzen, wenn sie als Zeichen eines Gemütszustandes fungieren: Sympathisieren die Adressierten mit dem/der Orator/in, werden sie diesen von ihm/ihr prozessierten Gemütszustand aufnehmen und instinktiv darauf reagieren. Goethe fasste zusammen:

„Bei den Griechen, deren Poesie und Rhetorik einfach und positiv war, erscheint die Billigung öfter als die Mißbilligung. Bei den Lateinern hingegen ist es umgekehrt, und je mehr sich Poesie und Redekunst verdirbt, desto mehr wird der Tadel wachsen und das Lob sich zusammenziehen.“ (Goethe: Maximen und Reflektionen Nr. 1029)

5. Fazit

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Sowohl Figuren als auch Tropen dienen der sinnlichen Vergegenwärtigung und der Verdeutlichung (enargeia bzw. illustratio oder evidentia) des Gesagten, der Steigerung des Vergnügens für die Rezipierenden (delectatio) und der Anhebung des stilistischen Niveaus.

Während Tropen bereits im Austausch eines einzelnen eigentlichen Wortes durch ein uneigentliches bestehen können, beziehen sich rhetorische Figuren auf ganze Wortgefüge aus eigentlichen Worten. Die Grenzen sind hier fließend, weshalb die Begriffe häufig synonym verwendet werden.

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Quellen und Literaturempfehlungen:

Clarke, Martin L.: Rhetoric at Rome. A historical Survey. Cohen & West, 1953.

Grumbach, Ernst: Goethe und die Antike. Eine Sammlung. Berlin, 1949.

Marcus Fabius Quintilianus: Institutio Oratoria.

Vickers, Brian: Mächtige Worte – Antike Rhetorik und europäische Literatur. Berlin, 2008.

Ueding, Gert (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. 10 Bde. Tübingen, 1992-2007. 

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